Alexander Schmejkal – »Bombensicheres aus Prenzlauer Berg«

Die­se Geschich­te erzähl­te Alex­an­der Schme­j­kal im Erzähl­sa­lon »Mein schöns­tes Erleb­nis im Kiez« im Myer’s Hotel, Prenz­lau­er Berg. Als Pro­ku­rist der R.E.M.M. ent­deck­te der gebür­ti­ge Sach­se eines Tages einen gehei­men Raum in der heu­ti­gen „Back­fa­brik” Prenz­lau­er Allee, Ecke Saar­brü­cker Stra­ße. Dort lager­ten unge­heu­re Men­gen eines recht uner­war­te­ten Gutes.  

Ich bin Sach­se. Im Prenz­lau­er Berg lebe ich seit 1968. Hier, an der Ecke Prenz­lau­er Allee/Saarbrücker Stra­ße, befand sich zu DDR-Zei­ten der Stamm­be­trieb »Akti­vist« des VEB Back­wa­ren­kom­bi­nats Ber­lin. Nach der Wen­de führ­te der Ber­li­ner Unter­neh­mer Horst Schies­ser die Groß­bä­cke­rei unter dem Namen City­back bis 1997 wei­ter. Im Früh­jahr 2000 erwarb die Real-Esta­te Mer­ger & Manage­ment Grund­stücks GmbH (R.E.M.M.) die Immo­bi­lie und »krem­pel­te« sie völ­lig um. In dem unter dem Namen Back­fa­brik bekann­ten Gebäu­de­kom­plex befin­det sich heu­te ein moder­nes Medi­en­zen­trum, in dem über 40 Unter­neh­men ange­sie­delt sind.

Als Pro­ku­rist der R.E.M.M. über­trug mir mein Chef die Bau­her­ren­ver­tre­tung für die kom­ple­xe Bau­maß­nah­me. Eine Funk­ti­on, in der ich mög­li­cher­wei­se um ein Haar zum Hel­fers­hel­fer nord­ko­rea­ni­scher For­schungs­pro­gram­me gewor­den wäre – man muss ja nicht gleich an die Atom­bom­be den­ken, aber wer kann das schon wis­sen … Aber der Rei­he nach: »Herr Schme­j­kal«, nahm mich mein Chef eines Tages bei­sei­te, »ob Sie wohl mor­gen aus­nahms­wei­se ein­mal einen Schlips umbin­den könn­ten?« Ich bin seit jeher ein Geg­ner des Schlips­tra­gens – eine Eigen­heit, die ich auch als Pro­ku­rist nicht ableg­te. Aber was soll­te ich mei­nem Chef schon erwi­dern, erst recht, als er hin­zu­füg­te: »Und ein Sak­ko zie­hen Sie bit­te auch über. Wir erwar­ten eine hoch­ran­gi­ge Dele­ga­ti­on aus der Demo­kra­ti­schen Volks­re­pu­blik Korea.«

Also warf ich mich andern­tags, ent­ge­gen mei­ner Nei­gung, in Scha­le. Tat­säch­lich hiel­ten gleich früh am Mor­gen meh­re­re Fahr­zeu­ge mit Diplo­ma­ten­kenn­zei­chen vor unse­rem Haus. Die Her­ren, die aus den Limou­si­nen aus­stie­gen, tru­gen alle­samt feins­ten Zwirn. Der Dol­met­scher, den sie im Schlepp­tau hat­ten, ließ mich wis­sen: »Wir wol­len die Steue­rung sehen!« Wer ihnen erzählt hat­te, dass sich im zwei­ten Ober­ge­schoss der Saar­brü­cker Stra­ße 38A noch die gesam­te elek­tro­ni­sche Steue­rungs­an­la­ge der Groß­bä­cke­rei befand, weiß der Teu­fel. Da die Pro­duk­ti­on – ange­fan­gen bei der Mehl­por­tio­nie­rung – voll­au­to­ma­tisch lief, nahm die Tech­nik die gesam­te Eta­ge ein.

Gemein­sam stie­gen wir hin­auf in den zwei­ten Stock. Mir war nicht ganz wohl dabei, die Korea­ner mit ihren vor­neh­men Kla­mot­ten über die Bau­stel­le zu füh­ren: über­all Dreck und Staub! Wir betra­ten die Steue­rung. Die Korea­ner lie­ßen sich sämt­li­che Schalt­schrän­ke zei­gen, alle­samt voll­ge­stopft mit moder­ner Schalt- und Rege­lungs­tech­nik. Offen­bar han­del­te es sich bei der Dele­ga­ti­on um Top-Fach­leu­te, denn sie nah­men alles genau in Augen­schein, dis­ku­tier­ten leb­haft auf Korea­nisch und nick­ten wis­send. Nach ein­ge­hen­der Unter­su­chung rich­te­te sich der Dol­met­scher mit einer Fra­ge an mich: »Mit wel­cher Takt­fre­quenz arbei­tet die Steuerung?«»Ich neh­me an, mit bis zu zehn Mega­hertz«, erwi­der­te ich. Die Ant­wort schien den Her­ren nicht zu gefal­len. Sie schüt­tel­ten die Köpfe.»Das ist viel zu wenig!«, gab mir der Dol­met­scher zu verstehen.Unverrichteter Din­ge zog die Trup­pe wie­der ab. Ich habe bis heu­te kei­ne Ahnung, was die Korea­ner mit der Steue­rung des ehe­ma­li­gen Back­wa­ren­kom­bi­nats vor­hat­ten.

Als wir die Immo­bi­lie Anfang 2000 über­nah­men, stan­den sämt­li­che Gebäu­de leer. Auf einem mei­ner Rund­gän­ge fand ich in einem ehe­ma­li­gen Büro die Bau­do­ku­men­ta­ti­on für das gesam­te Are­al. Sie stamm­te noch aus jener Zeit, als sich auf dem Gelän­de der Back­fa­brik die Zen­tra­le des nach dem Krieg ent­eig­ne­ten Gas­tro­no­mie­un­ter­neh­mens Aschin­ger befun­den hat­te. Die kom­plet­ten Plä­ne des Gebäu­de­kom­ple­xes: Das war natür­lich Gold­staub! Beim Stu­die­ren der Unter­la­gen fiel mir etwas auf: Im Gebäu­de Saar­brü­cker Stra­ße 36 befand sich laut den Zeich­nun­gen im fünf­ten Ober­ge­schoss ein Raum, wel­cher gar nicht exis­tier­te. Dort, wo die Tür ein­ge­zeich­net war, befand sich eine geschlos­se­ne Wand.

Ich rät­sel­te zusam­men mit mei­nem tür­ki­schen Polier Shaban – der »guten See­le« vom Bau und her­nach ein teu­rer Freund – über die­sen geheim­nis­vol­len Raum und mein­te schließ­lich: »Los, hol dei­nen Vor­schlag­ham­mer!«

Wumm!

Ich leuch­te­te mit mei­ner Taschen­lam­pe in die gehei­me Kam­mer und bekam vor Stau­nen den Mund nicht wie­der zu. Der Raum war bis unter die Decke gefüllt mit Kom­plek­te-Brot. Jedes ein­zel­ne Brot fein säu­ber­lich in Alu­fo­lie ein­ge­schweißt. Das Zeug war übri­gens noch genieß­bar. Obgleich es weit über ein Jahr­zehnt dort oben im Ver­bor­ge­nen her­um­ge­le­gen haben muss­te, schmeck­te es wie am ers­ten Tag.

Ich ging zu mei­nem Chef und ver­mel­de­te: »Ich habe hier einen Rie­sen­hau­fen atom­krieg­si­cher ver­pack­tes Brot für die NVA.«

Shaban beauf­trag­te einen Jugo­sla­wen, sich der Sache anzu­neh­men. Gleich am nächs­ten Tag fuhr der mit zwei gro­ßen Last­kraft­wa­gen vor und hol­te das Brot – es waren 16 Ton­nen – dort oben her­aus. Was er damit anstell­te, weiß ich nicht. Indes­sen ver­mu­te ich, dass das Brot auch heu­te noch genieß­bar wäre.