Beatrix Otto — »Rückkehr ins Familienunternehmen«

Das Pro­jekt „Erfah­run­gen und Poten­zia­le an einen Tisch – Unter­neh­mer­ge­sprä­che im Lau­sitz Lab“ brach­te 2017/2018 Lau­sit­zer Unter­neh­mer in Erzähl­sa­lons zusam­men. Eine der Erzäh­le­rin­nen war Bea­trix Otto.  Lesen Sie hier ihre Geschich­te.

Bea­trix Otto im Unter­neh­mer-Erzähl­sa­lon in der Lau­sitz am 7. Febru­ar 2017

Als ich ein Jahr alt war, grün­de­te mein Vater unser Fami­li­en­un­ter­neh­men. Der Betrieb gehör­te von Beginn an zu mei­nem Leben, auch wenn ich vie­le der Bege­ben­hei­ten aus der Anfangs­zeit nur aus Erzäh­lun­gen ken­ne.

Mein Vater, Lothar Frahnow, eröff­ne­te 1977 eine Kfz-Werk­statt in unse­rem Hei­mat­ort Dreh­now, einem Dorf nahe Peitz. In die Selbst­stän­dig­keit zu gehen war in der DDR nicht ein­fach — egal in wel­cher Bran­che. Mit sei­ner Kfz-Repa­ra­tur­werk­statt spe­zia­li­sier­te sich mein Vater zunächst auf die Mar­ken Moskwitsch und Wart­burg und bot Repa­ra­tu­ren bis hin zum kom­plet­ten Auf­bau an: Aus alten Tei­len schraub­te er gan­ze Autos zusam­men.

Oft fuhr er nach Eisen­ach, um Wart­burg-Ersatz­tei­le zu kau­fen oder düs­te nach Ber­lin, wo es Tei­le für den Moskwitsch gab. Auf dem Heim­weg folg­ten ihm schon die ers­ten Inter­es­sen­ten, weil sie sahen, dass er Ersatz­tei­le — wie zum Bei­spiel eine kom­plet­te Aus­puff­an­la­ge — auf der Lade­flä­che hat­te, die sie unbe­dingt brauch­ten. Sol­che Geschich­ten waren typisch. Eini­ge unse­rer Kun­den wohn­ten in Ber­lin, ande­re noch wei­ter ent­fernt an der Ost­see­küs­te. Sie alle kamen zu uns, um die Diens­te mei­nes Vaters in Anspruch zu neh­men.

Nach der Wen­de star­te­ten wir in Dreh­now mit dem Ver­trieb für Ford. Im ers­ten Jahr ver­kauf­ten wir fünf­hun­dert Neu­wa­gen! Der Stand­ort des Betriebs war aller­dings nicht ide­al — in einem Dorf mit nur fünf­hun­dert Ein­woh­nern, mit­ten im Wald. Unser Haus befand sich zudem am Ende einer Sack­gas­se. So ent­schloss sich mein Vater, ein Grund­stück in Peitz zu kau­fen und dort zu bau­en. Wenn ich mich rich­tig erin­ne­re, waren wir die ers­ten in Bran­den­burg, die ein Auto­haus kom­plett neu bau­ten. Die Auto­h­aus­zeit­schrift berich­te­te dar­über. 1992 eröff­ne­ten wir unser Auto­haus Frahnow.

Wie so vie­le Lau­sit­zer ver­ließ ich mei­ne Hei­mat in der Jugend. Nach dem Abitur absol­vier­te ich ein sechs­mo­na­ti­ges Prak­ti­kum bei einem Ford-Händ­ler in Frei­burg im Breis­gau. Dann trat ich das Stu­di­um der Auto­mo­bil­wirt­schaft in Geislingen/Steige bei Stutt­gart an, mit den Ver­tie­fungs­rich­tun­gen Auto­mo­bil­han­del, Auto­mo­bil­mar­ke­ting und Unter­neh­mens­füh­rung. Fünf Jah­re arbei­te­te ich danach in Kron­berg bei Jagu­ar Deutsch­land, das sei­ner­zeit noch zu den Ford-Wer­ken gehör­te. Als Mit­ar­bei­te­rin in der Zen­tra­le betreu­te ich deutsch­land­weit sämt­li­che Händ­ler im Bereich Han­dels­mar­ke­ting. 2004 ent­schied ich mich, dem Ange­stell­ten­da­sein den Rücken zu keh­ren und in die Fuß­stap­fen mei­ner Eltern zu tre­ten.

Aus dem “Wes­ten” brach­te ich mei­nen Mann Oli­ver Otto mit. Wir stu­dier­ten gemein­sam in Geis­lin­gen und hat­ten uns im Ford-Junio­ren­kreis ken­nen­ge­lernt. Oli­ver stammt aus dem Ruhr­ge­biet, eben­falls aus einer Auto­haus-Fami­lie und ist gelern­ter Kfz-Mecha­ni­ker. Eine güns­ti­ge Kon­stel­la­ti­on! Sein Bru­der trat dort im elter­li­chen Betrieb die Nach­fol­ge an. Wir wuss­ten schnell, dass wir gemein­sam unser Auto­haus in Peitz über­neh­men wür­den. Denn wir ver­ei­nen alle nöti­gen Kom­pe­ten­zen. Wir tei­len uns die Arbeit wun­der­bar auf: Er über­nimmt den tech­ni­schen Part, wäh­rend ich mich um Mar­ke­ting und Ver­trieb küm­me­re.

Beson­ders wich­tig ist mir, unse­re Fir­ma mög­lichst breit auf­zu­stel­len. So ver­mie­ten wir Wohn­mo­bi­le mit Ford-Auf­bau und spe­zia­li­sier­ten uns auf Gewer­be­kun­den. Mitt­ler­wei­le sind wir Nutz­fahr­zeug- sowie Kom­pe­tenz­zen­trum für Umbau­ten. 2012 nah­men wir in Cott­bus in der Sie­lo­wer Land­stra­ße den zwei­ten Stand­ort in Betrieb.

Wir müs­sen die Augen offen­hal­ten: Wo tun sich Nischen auf, wo liegt der Bedarf unse­rer Kun­den? Unter ihnen befin­den sich Men­schen mit Han­dy­cap — Fahr­zeu­ge für ihre Bedürf­nis­se zu ertüch­ti­gen, gehört des­halb zu unse­ren Auf­ga­ben. Autos ver­kau­fen, Inspek­tio­nen durch­füh­ren — das kann jeder. Im End­ef­fekt ist jedoch der Mensch wich­tig, der dahin­ter­steht! Das bedeu­tet: Ich muss den Ser­vice, den ich bie­te, kon­se­quent wei­ter­den­ken.

Die­ses Rundum­pa­ket — 24 Stun­den erreich­bar zu sein — zerrt manch­mal an den Ner­ven, beson­ders, wenn wir nachts kurz­fris­tig zum Abschlep­pen geru­fen wer­den und am nächs­ten Mor­gen den­noch pünkt­lich auf der Mat­te ste­hen müs­sen. In einem klei­nen Fami­li­en­un­ter­neh­men ist dann jeder ein­zel­ne Mit­ar­bei­ter gefor­dert.

Sor­gen macht mir der Nach­wuchs: Wir bil­den Mecha­tro­ni­ker und kauf­män­ni­sche Ange­stell­te aus. Dabei machen wir nicht nur gute Erfah­run­gen mit den jun­gen Leu­ten. Bei unse­ren Vor­stel­lungs­ge­sprä­chen ver­ein­ba­ren wir stets einen Pro­be­ar­beits­tag, um uns gegen­sei­tig ken­nen­zu­ler­nen. Es kommt immer wie­der vor, dass ein Bewer­ber an die­sem Tag nicht erscheint. Ohne abzu­sa­gen! Ich kann ver­ste­hen, dass jemand sei­ne Mei­nung ändert und fest­stellt, dass eine Aus­bil­dung nichts für ihn ist. Einem mög­li­chen Arbeit­ge­ber dar­auf­hin jedoch nicht Bescheid zu sagen, zeugt von schlech­ten Umgangs­for­men. Was soll aus die­sen jun­gen Men­schen ein­mal wer­den?

Für die nahe Zukunft bewegt mich die Fra­ge, wie es in unse­rer Regi­on wei­ter­ge­hen wird. Wie ent­wi­ckelt sich das wirt­schaft­li­che Umfeld? Was pas­siert mit dem Kraft­werk Jänsch­wal­de? Sind wir für den Struk­tur­wan­del gerüs­tet?

Als Fami­li­en­un­ter­neh­men sind wir stark: Jeder steht für den ande­ren ein. Es klappt, weil sich alle hin­ter ihre Arbeit klem­men — nicht nur mei­ne Eltern, mein Mann und ich, mein Onkel und die Cou­sins, son­dern auch die nicht­ver­wand­ten Kol­le­gen. Mitt­ler­wei­le beschäf­ti­gen wir fast vier­zig Mit­ar­bei­ter. 2017 fei­er­ten wir unser vier­zig­jäh­ri­ges Bestehen.

Ich bin mei­nen Eltern dank­bar, dass die Nach­fol­ge in unse­rem Unter­neh­men so wun­der­bar funk­tio­niert. Es ist ein ech­tes Mit- und Neben­ein­an­der. Mei­ne Eltern ste­hen hin­ter uns — las­sen uns jedoch allen nöti­gen Frei­raum. Wir pro­bie­ren neue Wege aus und sam­meln unse­re eige­nen Erfah­run­gen. Das ist wich­tig. Trotz­dem brau­chen wir das Know-how der Älte­ren und pro­fi­tie­ren von ihrem Erfah­rungs­schatz. Wenn mir mei­ne Mut­ter erzählt, wie sie in einer bestimm­ten Situa­ti­on in der Ver­gan­gen­heit han­del­te, hilft mir das bei mei­nen Ent­schei­dun­gen. Das ste­ti­ge von­ein­an­der Ler­nen zeich­net in mei­nen Augen das Mit­ein­an­der in einem Fami­li­en­un­ter­neh­men aus.