Belarussisch-deutscher Erzählsalon über ostdeutsche Biografien

Dr. Lutz Kirchenwitz (4.v.r.) und Katrin Rohnstock (3.v.r.) zusammen mit Dr. Edith Spielhagen (1.v.r) und dem Dolmetscher Pavel Belski (2.v.r.) im Erzählsalon.

Dr. Lutz Kir­chen­witz (4.v.r.) und Kat­rin Rohn­stock (3.v.r.) zusam­men mit Dr. Edith Spiel­ha­gen (1.v.r) und dem Dol­met­scher Pavel Bel­ski (2.v.r.) im Erzähl­sa­lon.

Wie beein­fluss­te der Mau­er­fall ost­deut­sche Lebens­ge­schich­ten? Um die­se Fra­ge ging es in dem Erzähl­sa­lon »Vom Gewin­nen und Ver­lie­ren - Begeg­nun­gen mit Men­schen und ihrer Lebens­ge­schich­te seit dem Mau­er­fall« am 1. Dezem­ber 2016.

16 bela­rus­si­sche Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten waren als Gäs­te der Inter­na­tio­na­len Bil­dungs- und Begeg­nungs­stät­te »Johan­nes Rau« in Minsk im Rah­men eines ein­wö­chi­gen Besu­ches in der Haupt­stadt in den Salon von Rohn­stock Bio­gra­fi­en gekom­men, um die Lebens­ge­schich­te zwei­er Ost­deut­scher zu hören und mehr über die Wen­de­zeit zu erfah­ren.
Kat­rin Rohn­stock und Dr. Lutz Kir­chen­witz fun­gier­ten an die­sem Nach­mit­tag als Zeit­zeu­gen. Sie erzähl­ten sowohl von ihrem Leben vor, wäh­rend und nach der Wen­de als auch von ande­ren ost­deut­schen Bio­gra­fi­en.
Ein aus­ge­bil­de­ter Dol­met­scher über­set­ze Abschnitt für Abschnitt erst vom Deut­schen ins Rus­si­sche und spä­ter umge­kehrt.

Die Ära der politischen Liedermacher

Der Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Dr. Lutz Kir­chen­witz war in den 1960er Mit­be­grün­der der DDR-Sing­be­we­gung und ein wich­ti­ger Akteur beim Fes­ti­val des poli­ti­schen Lie­des gewe­sen. Er schil­der­te, wie sich das Fes­ti­val zu einem der größ­ten Musik­fes­ti­vals der DDR ent­wi­ckelt hat­te und wie das Fes­ti­val Lie­der­ma­cher und Künst­ler nicht nur aus Ost­deutsch­land son­dern aus der gan­zen Welt anzo­gen hat­te. Lutz Kir­chen­witz mach­te klar, wie sehr das Fes­ti­val mit der DDR zusam­men­ge­han­gen hat­te und dass es folg­lich mit dem Fall der Mau­er sein Ende fand.

Für Aus­nah­me­fäl­le wie Wolf Bier­mann hat­te das kei­ne Aus­wir­kun­gen. Doch die Sze­ne der Lie­der­ma­cher war mit dem Ende der DDR zusam­men­ge­bro­chen. „Schlech­te Zei­ten für Lie­der­ma­cher”, hieß es nach der Wen­de, so Kir­chen­witz. Vie­le Künst­ler konn­ten im wie­der­ver­ein­ten Deutsch­land nicht mehr von ihrer Musik leben.
Doch das Revi­val des Ostens folg­te nach eini­gen Jah­ren. Davon pro­fi­tier­ten eini­ge Lie­der­ma­cher wie Hans-Eckardt Wen­zel, die bis heu­te erfolg­reich Plat­ten pro­du­zie­ren.
Ande­re Künst­ler erleb­ten kei­nen neu­en Auf­schwung. Die Lie­der­ma­che­rin Mai­ke Nowak etwa ver­such­te sich ver­geb­lich als rus­si­sche Chan­son­sän­ge­rin und arbei­tet heu­te als Hun­de­flüs­te­rin.

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Ein Fazit die­ses Erzähl­sa­lons: Bei den „Ver­lie­rern” der Wen­de sei der Blick nach hin­ten stär­ker aus­ge­prägt.

Von DDR-Wirtschaftskapitänen lernen

Auch Kat­rin Rohn­stock, Geschäfts­füh­re­rin von Rohn­stock Bio­gra­fi­en, nann­te Bei­spie­le von Gewin­nern und Ver­lie­rern. Sie selbst hat­te sich mit dem Fall der Mau­er beruf­lich umori­en­tie­ren müs­sen. Sie hat­te sich Anfang der 1990er Jah­re vom Jour­na­lis­mus ver­ab­schie­det und 1998 eine Fir­ma für das Schrei­ben von Lebens- und Fir­men­ge­schich­ten gegrün­det.

Vie­le Ost­deut­sche hät­ten mit der Wen­de ihre Arbeit und ihre Ori­en­tie­rung ver­lo­ren, berich­te­te Kat­rin Rohn­stock. Bis heu­te fühl­ten sich die­se Men­schen abge­hängt. Kat­rin Rohn­stock stell­te fest, dass vie­le Akteu­re der DDR-Wirt­schaft einen Bruch in ihrer Lebens­ge­schich­te erlebt hat­ten.
Heu­te erfah­ren die­se Bio­gra­fi­en kaum öffent­li­ches Inter­es­se, so Rohn­stock. Aus die­sem Grund ent­wi­ckel­te Kat­rin Rohn­stock gemein­sam mit dem Ver­ein zur För­de­rung lebens­ge­schicht­li­chen Erin­nerns und bio­gra­fi­schen Erzäh­lens e.V. das Pro­jekt »Gene­ral­di­rek­to­ren erzäh­len«, in dem ehe­ma­li­ge DDR-Wirt­schafts­ka­pi­tä­ne ihre Erfah­run­gen mit der DDR-Wirt­schaft und der Wen­de mit­tei­len. Davon kön­nen zukünf­ti­ge Genera­tio­nen ler­nen.

Die Journalistengruppe aus Weißrussland

Die Jour­na­lis­ten­grup­pe aus Weiß­russ­land war im Rah­men einer Bil­dungs­rei­se durch Ber­lin und Bran­den­burg zu Gast bei Rohn­stock Bio­gra­fi­en

Parallelen zur Sowjetunion

Im Anschluss an die Erzäh­lun­gen stell­ten die Jour­na­lis­ten aus Minsk Fra­gen und dis­ku­tier­ten über die Situa­ti­on des heu­ti­gen wie­der­ver­ein­ten Deutsch­lands.
In der Dis­kus­si­on zogen die Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten Par­al­le­len zur Sowjet­uni­on. Ein Jour­na­list befand, dass die Nost­al­gie ein Cha­rak­te­ris­ti­kum die­ser Wen­de­bio­gra­fi­en sei.

Dr. Edith Spiel­ha­gen, die Lei­te­rin der bela­rus­si­schen Jour­na­lis­ten­grup­pe und die Geschäfts­füh­re­rin des Inter­na­tio­na­len Jour­na­lis­ten­kol­leg an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin, freu­te sich über den regen Aus­tausch. Am Ende des Erzähl­sa­lons schluss­fol­ger­te sie: „Es zeig­te sich wie­der, wie wich­tig doch die­se per­sön­li­chen Begeg­nun­gen sind, bei denen das Gro­ße und Gan­ze an einer kon­kre­ten Bio­gra­fie deut­lich wird.”