Buchveröffentlichung: »Kindheit in Sachsen«

In den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren rea­li­sier­te Rohn­stock Bio­gra­fi­en Ber­lin zusam­men mit dem Stadt­mu­se­um Rie­sa acht Erzähl­sa­lons zum The­ma »Kind­heit in Rie­sa«. Eine Aus­wahl der erzähl­ten Geschich­ten ist nun mit Unter­stüt­zung der Säch­si­schen Lan­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung in der Antho­lo­gie »Erin­ne­run­gen aus Rie­sa – Kind­heit in Sach­sen« erschie­nen. Die Geschich­ten wer­den gerahmt von einem Essay des Kul­tur­wis­sen­schaft­lers Prof. Dr. Diet­rich Mühl­berg sowie von einem Nach­wort der Erzähl­sa­lon-Initia­to­rin Kat­rin Rohn­stock.

Die Erzähl­sa­lons fan­den statt im Mehr­ge­nera­tio­nen­haus, im Orts­ver­band des Arbei­ter-Sama­ri­ter-Bun­des, im Senio­ren­haus und im Stadt­mu­se­um. Rie­sa­er Bür­ge­rin­nen und Bür­ger kamen zusam­men, um gemein­schaft­lich zu erzäh­len und zuzu­hö­ren. Sie erin­ner­ten sich, wie sie einst in die Stadt kamen, wie sie hier ihre Kin­der­jah­re ver­brach­ten, wel­che Fes­te, Spie­le und Strei­che die­se präg­ten. In den Erzähl­sa­lons sam­mel­te das Stadt­mu­se­um Rie­sa Kind­heits­er­in­ne­run­gen für die par­ti­zi­pa­ti­ve Son­der­aus­stel­lung »Mit klei­nen Schrit­ten in die gro­ße Welt«. Die­se läuft vom 12. Mai bis 6. Okto­ber 2019 und wur­de im Fonds »Stadt­ge­fähr­ten« der Kul­tur­stif­tung des Bun­des geför­dert.

Kinder aus Riesa feiern Weihnachten im Kindergarten.
Die­se Publi­ka­ti­on ist nicht für den Ver­kauf bestimmt und wird ab dem 9. Juli 2019 für Zwe­cke der poli­ti­schen Bil­dung im Frei­staat Sach­sen kos­ten­los abge­ge­ben. 
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Die 26 Geschich­ten, dar­un­ter vier Kol­lek­tiv­ge­schich­ten, erzäh­len von Kind­hei­ten zwi­schen den 1920er und 1970er Jah­ren, vom All­tag ein­fa­cher Fami­li­en, die von ihrer Hän­de Arbeit leb­ten. Eini­ge der ins­ge­samt 24 Erzäh­ler sind nicht in Rie­sa gebo­ren, son­dern im dörf­li­chen Umland. Zu ihrer Zeit war es nor­mal, dass Kin­der im Alter von fünf, sechs Jah­ren häus­li­che Pflich­ten über­nah­men und mit aufs Feld gin­gen. Kind­heit avan­cier­te zum Mit­tel­punkt des Fami­li­en­le­bens. Zugleich war dies eine Pha­se zuneh­men­der außer­häus­li­cher Frau­en­ar­beit. Betreu­ung und Erzie­hung der Kin­der wur­den dadurch zu einer bestän­di­gen Auf­ga­be jen­seits der Fami­lie – wahr­zu­neh­men von der Öffent­lich­keit, den Kom­mu­nen und von den wech­seln­den Arbeit­ge­bern. Auch davon berich­ten die Kind­heits­er­in­ne­run­gen aus Rie­sa, einem Ort, der ganz typisch für die­se Ver­än­de­run­gen ist und dabei doch eine ganz eige­ne Geschich­te hat.

Zeitgeschichte im Spiegel von Erinnerungen

»Kind­heits­er­in­ne­run­gen zu erzäh­len, macht Freu­de, auch wenn nicht alles rosig war«, erzählt Kat­rin Rohn­stock. »Kind­heits­er­fah­run­gen mit ande­ren zu tei­len, macht noch mehr Spaß, denn gemein­sa­mes Erin­nern und Erzäh­len ver­bin­det. Es stif­tet Iden­ti­tät. Wer sich einer gemein­sa­men Ver­gan­gen­heit bewusst wird, wer sich der Ver­gan­gen­heit gemein­sam ver­si­chert, der fühlt sich zuge­hö­rig zu einer Gemein­schaft, zu einer Stadt und zu einer Regi­on.«

In den Rie­sa­er Kind­hei­ten spie­geln sich Zeit­ge­schich­te sowie poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen. Die Väter kämpf­ten im Zwei­ten Welt­krieg. Die Müt­ter und Groß­müt­ter zogen die Kin­der groß. Gegen Ende des Krie­ges wur­de der Luft­schutz­kel­ler zum Über­le­bens­ort. Kind­heit ist nicht unbe­schwert. Nach Kriegs­en­de kamen die Flücht­lin­ge. Eine der Schu­len wur­de in Karl- Marx-Schu­le umbe­nannt, im Som­mer lock­ten die neu­en Feri­en­la­ger. Kin­der­gär­ten ken­nen die Rie­sa­er dage­gen schon seit den Drei­ßi­ger­jah­ren.

»Schnell wurden in den Erzählsalons Gemeinsamkeiten identifiziert«

»Es war schön zu erle­ben, wie vie­le Men­schen sich bei den Erzähl­sa­lons begeg­ne­ten und wie offen sie ihre Erin­ne­run­gen teil­ten«, sagt Kat­rin Rohn­stock. »Sah ich mich wäh­rend der Erzähl­sa­lons im Raum um, bemerk­te ich oft ein zustim­men­des Nicken und ein stil­les Lächeln auf den Gesich­tern der Zuhö­rer. Schnell wur­den in den Erzähl­sa­lons Gemein­sam­kei­ten iden­ti­fi­ziert. Die Wir­kung der Erzähl­sa­lons in Rie­sa zeich­net sich im Beson­de­ren dadurch aus, dass sich im Lau­fe des Pro­jekts Rie­sae­rin­nen zu Erzähl­sa­lon-Mode­ra­to­rin­nen aus­bil­den lie­ßen. Als ihrer Hei­mat­re­gi­on ver­bun­de­ne Salon­niè­ren ver­viel­fäl­ti­gen sie den Effekt die­ses simp­len wie wun­der­ba­ren Ver­an­stal­tungs­for­mats.«