Fachgespräch über die Potenziale des Erzählsalons

Der Erzählsalon als Instrument für Partizipation, Selbstermächtigung und Regionalentwicklung

30 Expertinnen und Experten kamen, um sich über die Potenziale des Erzählsalons auszutauschen

Am Mittwoch, den 20. September 2017 empfing Rohnstock Biografien in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) Strukturentwickler zum Fachgespräch über »Die Potenziale des Erzählsalons für die Regionalentwicklung« im Rohnstock-Salon in Berlin.

Nach über 15 Jahren Erfahrung mit dem Veranstaltungsformat Erzählsalon, die in dem vom BMWi geförderten Erzähl-Projekt „Die Lausitz an einen Tisch“ vorerst ihren Höhepunkt fanden und erstmals auch wissenschaftlich begleitet wurden, wollte Rohnstock Biografien in Kooperation mit dem Leibnitz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung Erkner (IRS) die Potenziale des Erzählsalons mit engagierten Regionalentwicklern diskutieren.
Gekommen waren ca. 30 Teilnehmer aus Köln, dem Emsland, dem Rheinischen Revier, der Lausitz und anderen Brandenburger Regionen sowie Berlin – aus Institutionen, die mit der Regionalentwicklung befasst sind – und beteiligten sich rege an der Diskussion zwischen den sechs Redebeiträgen. (Das vollständige Programm des Fachgesprächs finden Sie in der Einladung.)

»Kommunikation ist Katalysator für soziale Transformation«

Prof. Christmann: „Bewohner/-innen müssen einbezogen werden im Rahmen von kleinen Prozessen des Erzählens.“

Den Einstieg machte Prof. Dr. Gabriela Christmann, stellvertretende Direktorin des IRS. Sie resümierte ihre Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Begleitung des Lausitzer Erzähl-Projektes und betonte das „große Potenzial“ der Erzählsalons als Ausgangspunkt, um Identitätsbildungsprozesse zu fördern und Kommunikation zu ermöglichen:

„Wenn Identitätsbildung ernst gemeint ist, muss man an die Geschichten der Region – an die Erzählungen der dort lebenden Menschen – anknüpfen. Man muss die Bürger/-innen mitnehmen. Kommunikation ist der Katalysator für soziale Transformationsprozesse. Dörfer und Regionen leben von kommunikativen Prozessen. Im Lausitz-Projekt wurde das erste Mal umgesetzt, was theoretisch so wichtig ist: dass Bewohner/-innen einbezogen werden im Rahmen von kleinen Prozessen des Erzählens, dass sie sich darin (wieder-)finden und zueinander finden.“

»Erzählsalons bereiten den Boden für Identitätsbildungsprozesse«

Prof. Christmann: „Das Bewusstsein über die eigenen Stärken kann einen Ort wieder lebendig machen.“

Weiter führte Prof. Christmann aus: „Im Erzählsalon werden Akteure zusammengebracht. Sie lernen dort, sich zunächst einmal zuzuhören und wieder miteinander zu reden. Erinnerungen und Erfahrungen, die am Ort oder in der Region gemacht wurden, werden ausgetauscht.

Darüber entdecken die Menschen Gemeinsamkeiten. Man entdeckt, dass man eine gemeinsame Geschichte hat. Man kann gemeinsame Ziele herausarbeiten: Was wäre für die Zukunft gut? Was muss passieren? So wird nicht mehr nur negativ über die Orte geredet, sondern auch wieder positiv. Die Besonderheiten, die den Ort ausmachen, kommen ins Bewusstsein und werden wieder als Stärke wahrgenommen. Damit kann ein Ort wieder lebendig werden.

Der Erzählsalon ist ein wichtiger Ausgangspunkt, um weitere Initiativen entstehen zu lassen. Über Erzählprozesse überwindet man die kollektive Lähmung und gewinnt Mut für Neues. Man beginnt, sich wieder selber zu vertrauen, Dinge selbst in die Hand zu nehmen, Initiative zu ergreifen – und hört auf, auf den großen Investor zu warten. Erzählsalons sind damit eine wichtige Grundlage für weitere Aktivitäten. Sie bereiten den Boden für Identitätsbildungsprozesse, für eine Vergemeinschaftung und für weitere Initiativen.“

»Der wertschätzende Umgang mit Geschichten ist ein besonderer Wert«

Jens Bröker mit dem Moderator des Abends, Sebastian Bertram, Nepomuk Rohnstock und Katrin Rohnstock

Jens Bröker, Geschäftsführer der Dürener Entwicklungsgesellschaft indeland GmbH, der eigens aus dem Rheinischen Revier zum Berliner Fachgespräch angereist war, berichtete über die Erkenntnisse seiner Erfahrung als Mitglied der Jury, die die besten Geschichten aus dem Projekt »Die Lausitz an einen Tisch“ für das Buch „Lausitz – Lebensgeschichten einer Heimat“ auswählte:

„Was ich da gesehen habe ist so gut, dass wir im Rheinischen Revier daraus lernen sollten. Im Erzählsalon steht der Mensch im Mittelpunkt. Ich bin ganz sicher, dass, wenn man eine Region verstehen will, man eben nicht nur Ereignisse aufzählen, nackte Zahlen sammeln, Akten studieren darf, sondern man ins Gespräch kommen muss. Die Menschen müssen untereinander ins Gespräch kommen und sich zuhören. Wenn man weiß, wie Menschen ticken, versteht man auch den Raum. Dann versteht man die Potenziale, die in diesem Raum stecken. Aber noch wichtiger ist, dass die Menschen, die einander zugehört haben, die einander erzählt haben, die Qualität ihres eigenen Raumes neu bemessen können.

Jens Broker: „Wer eine Region verstehen will, muss mit den Leuten ins Gespräch kommen.“

Ich finde, dass der wertschätzende Umgang mit den Geschichten, mit diesem wirklichen echten Teil des Lebens der Menschen, einen ganz besonderen Wert darstellt. Ich habe außerdem den Eindruck, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit die Angst vor dem Neuen besänftigen kann und die Menschen mit ihrer Situation versöhnt. Das ist ein Ziel des Formates, und ich glaube, das funktioniert. Ich habe beim Lesen der Geschichten aus der Lausitz die Ermächtigung empfunden, die entsteht, weil es eben nicht nur darum geht, über Vergangenes nachzudenken, sondern sich der Gegenwart bewusst zu werden und somit die Potenziale, die im Raum stecken, sich weiter entwickeln können.

Die Grundidee von Demokratie ist die Versammlung von Angesicht zu Angesicht. Und Erzählsalons sind aus meiner Erfahrung in der Lausitz ein sehr guter Ausgangspunkt, um diese Idee wieder lebendig zu machen und Partizipation zu ermöglichen in einer Art und Weise, wie wir sie wollen müssen.“

»Die ganze Perspektivenvielfalt kommt zum Tragen«

Dr. Weyrauch: „Selbstwirksamkeit ist das A und O, auch in der politischen Bildung.“

Dr. Martina Weyrauch, Leiterin der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung, meldete sich mit einem Diskussionsbeitrag zu Wort: „Seit Gründung des Landes Brandenburg ist das Ziel der politischen Bildung die Stärkung der Zivilgesellschaft vor Ort, die Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist das A und O. Da macht man auch die Erfahrung mit unterschiedlichen Positionen, denen man konstruktiv und nicht sofort mit Abwehr begegnen muss. Das ist ja der Unterschied zu geschlossenen autoritären Gesellschaften, die nur die „richtige“ Meinung zulassen.

Daher möchte ich Ihnen ein großes Kompliment machen, weil Sie in der Art und Weise der Struktur des Erzählsalons genau das machen, wozu sich die politische Bildung verpflichtet und was gleichzeitig das Schwierigste überhaupt ist: kontroverse gesellschaftliche Diskussionen auch kontrovers in der politischen Bildung widerzuspiegeln. Also, die größte Kunst ist: jeder kommt zu Wort. Und: es wird nicht kommentiert. Das finde ich unglaublich wichtig, dass jede Perspektive und die ganze Perspektivenvielfalt zum Tragen kommt. Die Leute werden so verpflichtet zuzuhören, um zu begreifen, warum einer diese Perspektive hat. Den Erzählsalon finde ich großartig, weil ich weiß, wie schwer es ist, so eine Atmosphäre herzustellen.“

»Erzählen ist eine nicht gehobene gesellschaftliche Ressource«

Katrin Rohnstock: „Eine Gesellschaft, die ihre Bürger ernst nimmt, muss ihnen zuhören.“

Zum Abschluss des Nachmittags berichtete Pierre Wilhelm, Jurist und Kulturmanager, von Erzählsalons im Kulturhaus Plessa: „Wir haben für meinen ursprünglichen Heimatort Plessa alles Mögliche versucht, um Skeptiker zu bewegen. Aber das Entscheidende war der Erzählsalon: dadurch wurde plötzlich klar, dass die Menschen hinter dem Kulturhaus stehen.“

All diese Beiträge verdeutlichen, wie viel mit einem scheinbar einfachen Format erreicht werden kann. Wie Katrin Rohnstock, geschäftsführende Inhaberin von Rohnstock Biografien in ihrem Vortrag hervorhob: „Das Erzählen ist eine noch nicht gehobene gesellschaftliche Ressource. Diese Kern-Ressource gilt es zu heben, wenn wir weiter in einer Gesellschaft leben wollen, die ihre Bürger ernst nimmt. Eine gesamtgesellschaftlich überlebenswichtige Aufgabe in Zeiten der Abschottung und Radikalisierung ganzer Bevölkerungsschichten.“