Der Staffelstab wurde übergeben

Von der Zukunft erzäh­len – dar­in sind die Gei­ers­wal­der geübt. Im Gast­hof „Zur Gru­ben­lam­pe“ stand bereits zum zwei­ten Mal das The­ma „Was ich mir für Gei­ers­wal­de wün­sche“ auf dem Pro­gramm. Die meis­ten der zehn Teil­neh­mer am lan­gen Tisch waren schon bei min­des­tens einem der vori­gen Erzähl­sa­lons dabei gewe­sen. Und trotz­dem spru­del­ten die Geschich­ten aus ihnen nur so her­aus. An der Ver­gan­gen­heit führ­te kein Weg vor­bei: Bei fast jeder Erzäh­lung fiel der Blick zunächst zurück und wur­de erst dann Rich­tung Zukunft gewor­fen.

Erzählsalon in der Grubenlampe Geierswalde: Was ich mir für Geierswalde wünsche (24.02.2016) - 1

Eine Erzäh­le­rin erin­ner­te sich an die 600-Jahr­fei­er von Gei­ers­wal­de, die 2001 began­gen wur­de. Ein gro­ßes gemein­schaft­li­ches Fest. In der Kir­che wur­de aus der Orts­chro­nik gele­sen, sor­bi­sche Trach­ten wur­den als Hoch­zeits­zug vor­ge­führt. Jeder im Dorf hat­te eine Auf­ga­be bekom­men. Das sei der Schlüs­sel, sag­te sie. Über die­se Geschich­te ent­wi­ckel­te sich sowohl bei der Erzäh­le­rin als auch bei ande­ren Teil­neh­mern die Visi­on, solch ein Fest zu wie­der­ho­len und dann wie frü­her das gan­ze Dorf ein­zu­be­zie­hen.

Erzählsalon in der Grubenlampe Geierswalde: Was ich mir für Geierswalde wünsche (24.02.2016) - 2Zwei Erzäh­ler mach­ten sich Gedan­ken dar­über, wie die jun­ge Genera­ti­on, zu der sie sich zähl­ten, die Gebur­ten­lü­cke kom­pen­sie­ren kön­ne. Sie zeig­ten gro­ßes Bewusst­sein für den Wan­del, mit dem sie bereits auf­ge­wach­sen sei­en. „Wir von den gebur­ten­ar­men Jahr­gän­gen sind schwer belas­tet“, sag­te ein Anfang Vier­zig­jäh­ri­ger. „Wir müs­sen alles kön­nen: Sol­len vie­le Kin­der haben, ehren­amt­lich arbei­ten, sol­len Ren­te zah­len.“ Doch ging es ihm nicht dar­um zu kla­gen, son­dern etwas zu bewe­gen.

Er wünsch­te sich, „die Stadt aufs Dorf“ zu brin­gen. Man müs­se das Leben in Gei­ers­wal­de attrak­ti­ver machen: Zum Bei­spiel könn­te es sonn­tags Brunch geben oder Bow­ling im Dorf. Das sei auch für die Tou­ris­ten inter­es­sant. Außer­dem müss­ten sich die Ein­hei­mi­schen früh genug Gedan­ken über Bil­dung und Beruf machen, um spä­ter in ihrem Dorf blei­ben zu kön­nen. „Das müss­te von lan­ger Hand geplant wer­den, damit es gelingt.“

Ein Wunsch nach dem ande­ren mach­te die Run­de. So wur­de die Sehn­sucht nach einer Ver­kaufs­stel­le geäu­ßert: nach einem genos­sen­schaft­li­chen Kon­sum-Markt. Bei lokal­po­li­ti­schen The­men, wie der mög­li­chen Orts­um­ge­hungs­stra­ße, wur­den zwar unter­schied­li­che Mei­nun­gen ver­tre­ten. Den­noch waren die Erzäh­ler weit davon ent­fernt, am Tisch eine lau­te Debat­te los­zu­tre­ten.

Erzählsalon in der Grubenlampe Geierswalde: Was ich mir für Geierswalde wünsche (24.02.2016) - 3Die jüngs­te Erzäh­le­rin in der Run­de, Anfang 20 und Zuge­zo­ge­ne, war das ers­te Mal Gast im Salon. Zunächst woll­te sie nichts erzäh­len, dann ergriff sie doch das Wort. Sie sag­te, die Dorf­ge­mein­schaft gebe ihr „star­ken Halt“, anders als in der Stadt sei alles fuß­läu­fig zu errei­chen. Sie habe die Bro­schü­ren, die aus dem Erzähl­sa­lon her­aus ent­stan­den, gele­sen. Die Geschich­ten dar­in hät­ten ihr einen „Zugang zum Ort“ geschaf­fen.

 

Auch ande­re Teil­neh­mer äußer­ten sich zum Wert des Erzähl­sa­lons. Alle posi­tio­nier­ten sich posi­tiv und ergänz­ten ein­an­der, erzähl­ten, wel­che Vor­tei­le sie in dem Ver­an­stal­tungs­for­mat sehen für die Zukunft ihres Ortes. Einer von ihnen lässt sich zum Salon­nier aus­bil­den. Er möch­te die Tra­di­ti­on fort­füh­ren und mit dem Gei­ers­wal­der Erzähl­sa­lon neue Ziel­grup­pen für eine dörf­li­che Bele­bung erschlie­ßen.

Der Erzähl­sa­lon sei genau das rich­ti­ge For­mat, hieß es von dem Salon­nier-Anwär­ter, da in ihm die Leich­tig­keit des Aus­tau­sches und der Aus­ein­an­der­set­zung erhal­ten blie­ben. Ein ande­rer Erzäh­ler beton­te, wie gut es sei, dass die Run­den genera­tio­nen­über­grei­fend sind. Die Ver­an­stal­tungs­form gebe die Bot­schaft: „Hier neh­men wir uns Zeit zum Reden, da in ande­ren Gre­mi­en nicht so viel Zeit zur Ver­fü­gung steht.“ Der Erzähl­sa­lon ermög­licht die Erfah­rung, dass einem zuge­hört wird – also: „Mei­ne Mei­nung ist wich­tig.“

„Hier­mit über­ge­be ich den Staf­fel­stab an die Gei­ers­wal­der“, sag­te die Salon­nié­re und Pro­jekt­lei­te­rin fei­er­lich zum Abschluss die­ses Erzähl­sa­lons. Ein ers­tes Ziel wur­de auch schon gesetzt: Im Jahr 2026 wird Gei­ers­wal­de 625 Jah­re – die Teil­neh­mer möch­ten per­spek­ti­visch dar­auf hin­ar­bei­ten, noch ein­mal so ein rie­si­ges Fest wie 2001 zu machen, so wie sie es in Erin­nung haben. Ganz nach der Devi­se: Wer fer­ne Zie­le steckt, lebt län­ger.


Alles über das Lau­sitz-Pro­jekt fin­den Sie auf der Web­site www.lausitz-an-einen-tisch.de.