Geschichten verbinden Generationen: zweiter Erzählsalon in der Arche in Lauchhammer

Erzählsalon in der Arche in Lauchhammer über Kinderstreiche der verschiedenen Generationen (18.01.2016) - 1

Bana­nen, Äpfel, Trau­ben und Kek­se: Der lan­ge Tisch im Spiel­zim­mer der Arche war reich gedeckt. Bea­te Gruhn, Lei­te­rin des Jugend­be­geg­nungs­zen­trums, woll­te den Teil­neh­mern des fünf­ten Lauch­ham­mer­a­ner Erzähl­sa­lons den Nach­mit­tag beson­ders schmack­haft machen. Alt und Jung waren ein­ge­la­den, ihre Geschich­ten zum The­ma „Strei­che aus mei­ner Kind­heit“ zu erzäh­len. Zehn Erzäh­le­rin­nen und Erzäh­ler, gebo­ren zwi­schen 1935 und 2006, saßen an der Tafel, als Kat­rin Rohn­stock den Salon eröff­ne­te – mit der Schil­de­rung eines eige­nen Kin­der­streichs.

Erzählsalon in der Arche in Lauchhammer über Kinderstreiche der verschiedenen Generationen (18.01.2016) - 2Die Salon­niè­re erzähl­te, dass sie als Kind heim­lich eine neue Pudel­müt­ze aus dem Schrank ihrer Eltern geholt und sie in der Schu­le ange­zo­gen hat­te. Eigent­lich soll­te sie die­se erst zu einem spä­te­ren Zeit­punkt geschenkt bekom­men.

An die­se Anek­do­te knüpf­te sogleich eine Teil­neh­me­rin an, die sich als Kind ein­mal selbst um ein Geschenk gebracht hat­te: Gemein­sam mit ihren drei Geschwis­tern habe sie im Schlaf­zim­mer der Eltern die Anrich­te mit den dar­in auf­be­wahr­ten Weih­nachts­ge­schen­ken geöff­net. Die Klei­nen freu­ten sich noch dar­über, dass alle ihre Wün­sche erfüllt wor­den wären. Sie wur­den jedoch prompt beim Rum­schnüf­feln erwischt und gin­gen zur Stra­fe leer aus.

Erzählsalon in der Arche in Lauchhammer über Kinderstreiche der verschiedenen Generationen (18.01.2016) - 3Nun kamen wei­te­re Kind­heits­strei­che auf den Tisch: Zwei Mit­ar­bei­te­rin­nen der Arche wuss­ten von Mund­raub zu berich­ten. Die Gär­ten sei­en in ihrer Jugend­zeit voll gewe­sen, fast habe es unter den Kin­dern zum guten Ton gehört, bei den Nach­barn Obst von den Bäu­men und Sträu­chern zu sti­bit­zen. Beim Stich­wort Apfel­klau wur­de die Ältes­te in der Run­de hell­hö­rig. Die 81-Jäh­ri­ge ergriff das Wort und gab es so schnell nicht wie­der ab. „Man hat­te als Kind eigent­lich immer ein schlech­tes Gewis­sen“, sag­te sie. „Es gab kein Kino, kein Fern­se­hen, wir haben uns immer drau­ßen bewegt. Man­ches kam raus, ande­res nicht.“ Die Stra­fen waren Prü­gel oder Ver­ach­tung. „Sen­ge ver­geht, Arsch besteht.“ Die Prü­gel ver­ab­reich­te ihre Mut­ter mit dem Tep­pich­klop­fer. „Danach war alles wie­der gut“, erin­ner­te sich die alte Dame. Viel schlim­mer sei es gewe­sen, „wenn einen in der Fami­lie alle ver­ach­te­ten. Ver­ach­tung bedeu­te­te, dass man die Auf­merk­sam­keit erst wie­der­ge­win­nen muss­te.“

Von stren­ger Erzie­hung konn­te ein 1936 gebo­re­ner Erzäh­ler eben­falls ein Lied sin­gen: „Dis­zi­plin, Gehor­sam, Ehr­lich­keit muss­ten ein­ge­hal­ten wer­den. Ent­we­der gab es Schimp­fe oder Prü­gel.“ Trotz­dem hät­te er sich eini­ges getraut. Wenn zu Hau­se Arbeit zu erle­di­gen war – Kar­tof­feln oder Koh­le holen – sei es sein bes­ter Trick gewe­sen, sich mit Schul­auf­ga­ben oder Gei­gen-Ler­nen raus­zu­re­den. Wäh­rend sich die älte­ren Teil­neh­mer des Salons beim Erzäh­len sicht­lich wohl fühl­ten, kämpf­ten die jün­ge­ren mit Anfangs­schwie­rig­kei­ten. Eini­ge beton­ten, dass sie zum The­ma nichts zu sagen hät­ten, um schließ­lich doch mit der Spra­che raus­zu­rü­cken. Aber wie!

Erzählsalon in der Arche in Lauchhammer über Kinderstreiche der verschiedenen Generationen (18.01.2016) - 4Eine Aus­zu­bil­den­de der Arche erzähl­te eine Lauch­ham­mer­a­ner Stadt­ge­schich­te, die eine gan­ze Genera­ti­on ver­bin­det: Mit 30, 40 ande­ren Jugend­li­chen habe sie laue Som­mer­aben­de fei­ernd im Schloss­park ver­bracht, obwohl das Betre­ten der Grün­an­la­ge ab 20 Uhr ver­bo­ten war. Aus­ge­stat­tet mit Bier vom nahen Super­markt und gro­ßen Musik­bo­xen tra­fen sie sich vor der alten Kino­büh­ne im Park. Die Musik kam aus den Han­dys der Jugend­li­chen, jeder konn­te sein Tele­fon anschlie­ßen und ein Stück wäh­len. Es wur­de getanzt und getrun­ken. „Die­se Events spra­chen sich rum in Lauch­ham­mer“, erin­ner­te sie sich. „Wenn die Poli­zei kam, rann­ten wir schnell weg in den Wald.“

Im Lauf des Erzähl­sa­lons ent­spon­nen sich wei­te­re Geschich­ten rund um Jugend- und Frei­zeit­kul­tur in Lauch­ham­mer – über das frü­he­re Frei­luft­ki­no, die Lein­wand aus Beton, die einst eine „Welt­neu­heit“ gewe­sen sei und die laut einem älte­ren Erzäh­ler heu­te „noch repa­riert wer­den kann“.

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Auch die Jüngs­ten erzähl­ten immer mun­te­rer: Ein Jun­ge berich­te­te davon, wie er zu Hau­se dem Zim­mer­auf­räu­men zu ent­ge­hen ver­such­te, indem er den ent­spre­chen­den Auf­ga­ben­zet­tel ver­schwin­den ließ. Erfolg­reich sei er dabei jedoch sel­ten gewe­sen. Die jüngs­te Teil­neh­me­rin, eine Zehn­jäh­ri­ge, erzähl­te ver­schmitzt und stolz zugleich, wie sie ein­mal im Win­ter mit 14 ande­ren Mäd­chen einen Jun­gen aus ihrer Klas­se raus­ge­pickt hat­te, um ihn nach der Schu­le ordent­lich ein­zu­sei­fen.

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All­mäh­lich dreh­ten sich die Erin­ne­run­gen nicht mehr nur um Strei­che, son­dern ganz all­ge­mein um Schu­le und Frei­zeit. Spä­tes­tens als das The­ma Musik auf­kam, gab ein Wort das ande­re, und zwar zwi­schen den Alten und den Jun­gen. Aus anfäng­li­cher Abgren­zung zwi­schen den Genera­tio­nen wur­de zuge­wand­tes Erzäh­len und Zuhö­ren. Ein gutes Zei­chen dafür, dass der Lauch­ham­mer­a­ner Erzähl­sa­lon wun­der­bar geeig­net ist als Expe­ri­men­tier­feld eines inter­ge­nera­tio­nel­len Dia­logs. Wer von den Jün­ge­ren am Anfang noch gehemmt war, erzähl­te plötz­lich wit­zig und bild­reich. Wie­der ein­mal wur­de deut­lich, dass das Erzäh­len vor auf­merk­sam Zuhö­rern für alle Alters­grup­pen eine gute Übung ist.


Alles über das Lau­sitz-Pro­jekt fin­den Sie auf der Web­site www.lausitz-an-einen-tisch.de.