Iris Helbeck – »Nichts blieb, wie es war - vom Dienstleistungskombinat zur Firmengruppe«

Das Pro­jekt „Erfah­run­gen und Poten­zia­le an einen Tisch – Unter­neh­mer­ge­sprä­che im Lau­sitz Lab“ brach­te 2017/2018 Lau­sit­zer Unter­neh­mer in Erzähl­sa­lons zusam­men. Eine der Erzäh­le­rin­nen war Iris Hel­beck.  Lesen Sie hier ihre Geschich­te.

Die­se Geschich­te erzähl­te Iris Hel­beck noch vor dem Ver­kauf der von ihr auf­ge­bau­ten Fir­men­grup­pe an die HECTAS Faci­li­ty Ser­vices im Som­mer 2017. Dem Unter­neh­mens­ver­bund war sie noch bis Ende 2017 als Geschäfts­füh­re­rin erhal­ten geblie­ben.

Ich bin die Che­fin meh­re­rer Fir­men im Dienst­leis­tungs­ge­wer­be. Unse­re Unter­neh­mens­grup­pe Hel­beck beschäf­tigt 560 Mit­ar­bei­ter – in der Indus­trie-, Gebäu­de- und Tex­til­rei­ni­gung, der Gar­ten- und Land­schafts­pfle­ge, im Cate­ring sowie im KfZ-Ser­vice. Man­che sagen abschät­zig: »Dei­ne Fir­men­grup­pe ist ja ein Gemischt­wa­ren­la­den! Wie kamst Du denn dazu?« Ich ant­wor­te: »Immer neue Anfor­de­run­gen und Kun­den­wün­sche führ­ten dazu.«

Zu DDR-Zei­ten war ich im Dienst­leis­tungs­kom­bi­nat Cott­bus tätig und arbei­te­te in Forst (Lau­sitz) als Pro­duk­ti­ons­lei­ter. Das Kom­bi­nat ver­ein­te sämt­li­che Dienst­leis­tungs­be­trie­be des Bezirks Cott­bus unter sei­nem Dach. Dazu gehör­ten vie­le ver­schie­de­ne Leis­tungs­ar­ten: Wäsche­rei, Büro­ma­schi­nen­re­pa­ra­tur, Uhr­ma­cher, Schuh­ma­cher, Schnei­de­rei, Täschner­wa­ren, Repa­ra­tur­be­trie­be für Näh­ma­schi­nen und Elek­tro­ge­rä­te. Alles wur­de repa­riert, sogar Nylon­strümp­fe. Beu­tel näh­ten wir selbst – Plas­tik­tü­ten gab es nicht! Das war umwelt­freund­lich, aber dem Man­gel geschul­det. Ich glau­be, heu­te wer­fen wir vie­les zu schnell weg. Den Betrieb in Forst auf­recht­zu­er­hal­ten, fiel in den Acht­zi­ger­jah­ren nicht leicht. So konn­te ich kei­ne neu­en Gebäu­de­rei­ni­gungs­ma­schi­nen kau­fen. Wir ver­füg­ten über kein eige­nes Fahr­zeug, um die Mit­ar­bei­ter an ihre Ein­satz­or­te zu brin­gen. Unse­re Kes­sel­rei­ni­ger fuh­ren mit der Bahn in die Kraft­wer­ke Box­berg, Fin­ken­he­erd sowie Guben und über­nach­te­ten dort. Oft frag­te ich mich: »Wie um alles in der Welt soll ich unter die­sen Umstän­den noch sau­ber­ma­chen?«

Mit der Wen­de 1990 kamen Fir­men aus dem Wes­ten und boten an: »Wir haben die nöti­ge Tech­nik.« Von uns wuss­te kei­ner, wie es wei­ter­ge­hen wür­de. Es kam die Wei­sung: Alle Betrie­be wer­den in GmbHs umge­wan­delt. Ich konn­te mir nicht vor­stel­len, wie die Pri­va­ti­sie­rung des Dienst­leis­tungs­kom­bi­nats mit sei­nen vie­len Gewer­ken gelin­gen wür­de. Zudem gab es in der DDR in der Rei­ni­gungs­bran­che kaum Selbst­stän­di­ge.

Den­noch wag­te ich den Sprung: Im März 1991 grün­de­te ich auf eige­ne Faust eine Gebäu­de­rei­ni­gungs­fir­ma. Mein Mann war im Janu­ar 1990 über das Auf­fang­la­ger Unna in die BRD gegan­gen. Bis Mai 1991 arbei­te­te er in einer Bau­fir­ma in Düs­sel­dorf. Das war für uns bei­de und unse­re Kin­der eine schwe­re Zeit. Kei­ner konn­te abschät­zen, was die Zukunft bringt. Doch wir lern­ten, wie das neue Sys­tem funk­tio­nier­te. Wir ent­schie­den uns, in Forst zu blei­ben und unse­re Fir­ma gemein­sam auf­zu­bau­en.

Die Finan­zie­rung zu sichern und bei der Bank um den ers­ten Kre­dit zu ver­han­deln – ohne eine Bilanz vor­le­gen zu kön­nen – kos­te­te mich vie­le schlaf­lo­se Näch­te. Heu­te kann ich dar­über lachen. Als ers­te Kun­den gewann ich unser Kran­ken­haus in Forst, das Gym­na­si­um und das Ober­stu­fen­zen­trum. Die­se hat­ten bis­her alle Rei­ni­gungs­ar­bei­ten in Eigen­re­gie aus­ge­führt und woll­ten sie nun aus­la­gern. »Hast du Lust, die Rei­ni­gung zu über­neh­men?«, frag­ten sie mich. Wir bewar­ben uns und gewan­nen die Aus­schrei­bun­gen. Obwohl wir uns nach der Wen­de neu ent­wi­ckeln und los­le­gen konn­ten, war es schwie­rig, mit der Kon­kur­renz mit­zu­hal­ten. Oft frag­ten mich Kun­den: »Schaffst du den Auf­trag über­haupt? Oder sol­len wir ihn ander­wei­tig ver­ge­ben?«

Zu DDR-Zei­ten hat­te ich im Kom­bi­nat auch die Kes­sel­rei­ni­gung in den ver­trag­lich gebun­de­nen Kraft­wer­ken unter mir. Der ehe­ma­li­ge Kes­sel­rei­ni­gungs­be­trieb Bert­hold, der 1972 ver­staat­licht und dem Dienst­leis­tungs­be­trieb Forst zuge­ord­net wor­den war, bot als ein­zi­ger die Kes­sel­rei­ni­gung an. Die­se Arbeit erle­dig­ten aus­schließ­lich Män­ner. »Das schaffst du nie! Die Män­ner, mit denen kannst du nicht«, sag­ten mei­ne Kol­le­gen vor­aus. Ich konn­te! Eini­ge sind mir treu geblie­ben und arbei­ten noch heu­te bei mir. Nach­dem ich 1991 die Gebäu­de­rei­ni­gung auf­ge­baut hat­te, sag­ten eini­ge der Kes­sel­rei­ni­ger: »Wir möch­ten ger­ne mit dir wei­ter­ma­chen.« Die Abtei­lung Kes­sel­rei­ni­gung wur­de jedoch über die Treu­hand an eine Fir­ma aus Duis­burg ver­kauft. Ich bekam kei­ne Chan­ce, sie zu erwer­ben. Des­halb grün­de­te ich mit drei Gesell­schaf­tern eine eige­ne Fir­ma für Indus­trie- und Kes­sel­rei­ni­gung. Wir fin­gen bei null an. Fort­an bewarb ich mich um ein­zel­ne Auf­trä­ge und stell­te mei­ne Fir­ma den Kun­den vor. Es erfor­der­te viel Mühe und Beharr­lich­keit, bis wir stän­dig Arbeit hat­ten. Wir konn­ten jedoch bewei­sen, dass wir jeden Auf­trag zuver­läs­sig und qua­li­täts­ge­recht erfüll­ten.

Die Schwie­rig­keit der neu­en Zeit: Nichts blieb, wie es war. Die Betriebs­wirt­schaft, die Tech­no­lo­gie, die Rei­ni­gungs­mit­tel und die Geset­ze. Alles hat­te sich geän­dert! So auch die Gebäu­de­rei­ni­gung. In den alten Bun­des­län­dern bedeu­te­te Gebäu­de­rei­ni­gung: mit ent­spre­chen­der Che­mie Beschich­tun­gen lösen, absau­gen, neu­tra­li­sie­ren und eine neue Beschich­tung auf­tra­gen. Bei uns war es ande­res. Unser Wischwachs hat­te über Jah­re robus­te Schich­ten auf­ge­baut, die oft nur mit dem Spach­tel zu ent­fer­nen waren. Wer sich die Aus­gangs­be­din­gun­gen eines Auf­trags nicht genau anschau­te, ris­kier­te hohe Ver­lus­te zu machen, weil die kal­ku­lier­te Zeit nicht reich­te, um den Schmutz zu ent­fer­nen.

Wir lern­ten jedoch schnell. 1993 schloss ich den Lehr­gang zum Gebäu­de­rei­ni­gungs­meis­ter bei der Hand­werks­kam­mer Cott­bus ab, mein Mann sei­ne Schu­lung zum Des­in­fek­tor. Wir saßen mit den Wett­be­wer­bern auf einer Schul­bank, rauf­ten uns zusam­men, lern­ten und pro­bier­ten gemein­sam Neu­es aus. Aus­zu­bil­den­de mei­ner Mit­strei­ter waren bei uns tätig, um die Kran­ken­haus­rei­ni­gung zu erler­nen. Mein Mann lehr­te allen, die es woll­ten, die Fas­sa­den­rei­ni­gung und das JOS-Ver­fah­ren (ein Nie­der­druck­rei­ni­gungs­ver­fah­ren mit ver­schie­de­nen Mate­ria­li­en). Wir lern­ten, gemein­sam mit dem Wett­be­werb umzu­ge­hen. Heu­te fällt es uns leicht, schwie­ri­ge Situa­tio­nen zu meis­tern – sicher auch, weil wir uns damals durch­kämpf­ten. Wir sind stark, weil wir wis­sen: Es geht nicht immer alles glatt und rei­bungs­los nach Sche­ma F. Nein, wir müs­sen jeweils aufs Neue eige­ne Lösun­gen fin­den! Die­ses Wis­sen treibt uns an, mit unse­ren Kun­den part­ner­schaft­lich zusam­men­zu­ar­bei­ten. Von Beginn an nahm ich mir vor: »Ich will kein Leis­tungs­ver­zeich­nis-Erfül­ler sein, son­dern Her­aus­for­de­run­gen anneh­men.«

Um die Außen­rei­ni­gung der Kes­sel im Kraft­werk Box­berg durch­zu­füh­ren, stell­ten wir uns einer neu­en Her­aus­for­de­rung: dem Rei­ni­gen ohne Gerüst. Für unse­re Mit­ar­bei­ter ging es 150 Meter den Kes­sel abwärts. Dafür bau­ten wir das Klet­tern aus. Zuerst borg­ten wir uns Klet­te­rer von ande­ren Fir­men, doch schnell wur­de klar: »Das funk­tio­niert nicht!« Wir wuss­ten: »Wenn wir nicht selbst klet­tern, ver­lie­ren wir Auf­trä­ge und bekom­men kei­ne neu­en.« Denn exter­ne Klet­te­rer sind teu­er. Zudem waren sie nicht immer fle­xi­bel ein­setz­bar. Unser Zeit­fens­ter betrug zwei Stun­den: Zwei Stun­den nach dem Anruf eines Kun­den muss­te der Klet­te­rer vor Ort sein. Da waren ande­re Auf­trä­ge unwich­tig. Die­se Arbeit muss­te getan wer­den.

Ich hat­te vie­le jun­ge Gesel­len mit Mumm, also sag­te ich: »Kommt, wir machen eine gute Trup­pe draus.« Wir über­nah­men die Kos­ten und die Jungs absol­vier­ten die Klet­ter­aus­bil­dung mit Bra­vour. Rei­ni­gen konn­ten sie alle! Bis heu­te klet­tern sie für uns, gehen jedoch mitt­ler­wei­le auf die Vier­zig zu. Wir wer­den ent­schei­den, in wel­cher Form sie, wenn die Arbeit im Alter für sie kör­per­lich zu anstren­gend wird, ihre Erfah­run­gen in den Teams ein­brin­gen kön­nen.

Lei­der kämpft die Rei­ni­gungs­bran­che mit einem nega­ti­ven Ruf: »Das sind die Doo­fen, die nichts rich­tig kön­nen,« heißt es oft. Aber um auf unse­rem Gebiet erfolg­reich zu sein, muss man eine Men­ge wis­sen. Nicht nur Kennt­nis­se aus Che­mie, Mathe­ma­tik und Phy­sik sind unver­zicht­bar, son­dern unse­re Mit­ar­bei­ter müs­sen den Auf­bau des Kraft­werks ken­nen, um zu wis­sen, wo sie wie rei­ni­gen kön­nen. Sie sind vom Fach, haben ihr Hand­werk von der Pike auf gelernt.

Anders als in der Rei­ni­gungs­bran­che üblich, arbei­tet unser Unter­neh­men haupt­säch­lich mit Voll­be­schäf­tig­ten, die sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig ange­stellt sind. Zudem beschäf­ti­gen wir sechs Gebäu­de­rei­ni­ger-Meis­ter. Im Ver­gleich zu den gro­ßen Fir­men eine hohe Zahl. Seit in unse­rem Gewerk kei­ne Meis­ter­pflicht mehr besteht, erle­di­gen vie­le Quer­ein­stei­ger die Arbeit. Wir jedoch bezah­len unse­ren Mit­ar­bei­tern den Meis­ter­lehr­gang. Damit stei­gen ihre fach­li­chen Kom­pe­ten­zen und unse­re Bera­tungs- und Inno­va­ti­ons­mög­lich­kei­ten.

Wir wis­sen, dass die Lau­sit­zer Kraft­wer­ke eines Tages schlie­ßen wer­den. Des­halb began­nen wir vor fünf Jah­ren, ande­re Geschäfts­be­rei­che zu erschlie­ßen. Das kos­tet Geld, denn wir müs­sen das nöti­ge Know-how erar­bei­ten. Ehe wir die maxi­ma­le Leis­tung erbrin­gen, braucht es Zeit und gründ­li­che Vor­be­rei­tung.

So fin­gen wir vor fünf Jah­ren an, Müll­ver­bren­nungs­an­la­gen zu rei­ni­gen. Mitt­ler­wei­le küm­mern wir uns zudem um Bio­gas­an­la­gen. Ein neu­es Ziel ist es, den Indus­trie­ser­vice stär­ker für den Mit­tel­stand aus­zu­rich­ten. Betrie­be soll­ten sich auf ihr Kern­ge­schäft kon­zen­trie­ren und fach­frem­de Auf­ga­ben aus­la­gern. Des­halb brau­chen sie Dienst­leis­ter, auf die sie sich ver­las­sen kön­nen. Am bes­ten direkt aus der Regi­on. All­zu oft holen sich Fir­men Hil­fe aus der Fer­ne, die sie um die Ecke fin­den könn­ten. In den letz­ten zwei Jah­ren beka­men wir bereits deut­lich mehr Auf­trä­ge in den neu­en Arbeits­ge­bie­ten – zum Bei­spiel die Hal­len­rei­ni­gung – und stei­ger­ten damit unse­ren Umsatz. Über die­sen Weg wol­len wir wei­ter­wach­sen. Damit uns das gelingt, brau­chen wir in der Regi­on ein gutes Netz­werk. Wir müs­sen uns gegen­sei­tig ken­nen, um ein­an­der zu hel­fen. Von außen haben wir nicht viel Unter­stüt­zung zu erwar­ten. Wir müs­sen selbst Alli­an­zen bil­den. Hier kön­nen wir noch eine Men­ge tun – wir alle gemein­sam zum gegen­sei­ti­gen Nut­zen.