Männer in der Krise. Fragen und Antworten zur Buchpremiere von »Aus der Bahn geworfen«

Katrin Rohnstock (3.v.l.) begrüßt die drei Erzähler und die Autorin Lucette Ackermann.

Kat­rin Rohn­stock (3.v.l.) begrüßt die drei Erzäh­ler und die Autorin Lucet­te Acher­mann.

Sie spiel­ten die Haupt­rol­le an die­sem Abend und ent­ge­gen des gän­gi­gen Kli­schees rede­ten sie über sich: Män­ner.

Drei Prot­ago­nis­ten des Buches »Aus der Bahn gewor­fen. Über Män­ner, die ihr Leben ver­än­dern muss­ten«, waren am 10. Novem­ber zur Pre­mie­re die­ser Män­ner-Antho­lo­gie in den Rohn­stock Salon gekom­men. Zusam­men mit den Autorin­nen des Buches, Lucet­te Acher­mann und Kat­rin Rohn­stock, mit der Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin Prof. Dr. Syl­ka Scholz und dem Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Prof. Dr. Diet­rich Mühl­berg dis­ku­tier­ten sie über Männ­lich­keit in der heu­ti­gen Zeit.

Warum ein Buch über Männerkrisen?

Die Buch­pre­mie­re begann mit der Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Buches: Lucet­te Acher­mann berich­te­te, wie sie Umbrü­che und Kri­sen bei Män­nern aus ihrem Umfeld beob­ach­te­te. Sie frag­te sich dabei: Wie gehen Män­ner – im Unter­schied zu Frau­en – mit Kri­sen um? Dabei kam ihr die Idee, die­se Kri­sen auf­zu­schrei­ben.

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Lucet­te Acher­mann stammt aus der Schweiz und erzähl­te, dass der Rol­len­tausch ein gro­ßes The­ma dort war, als das Buch ent­stand.

Die Co-Autorin Kat­rin Rohn­stock erzähl­te von ihrer anfäng­li­chen Skep­sis gegen­über der Buch­i­dee. Sie hat­te vor vie­len Jah­ren bereits ein Buch über Män­ner geschrie­ben und dar­über, was Ost- und West­män­ner über­ein­an­der den­ken. Nun hat­te sie sich gefragt, was es Neu­es über die Män­ner zu ler­nen gäbe. Also sie aber die auf­ge­schrie­be­nen Inter­views von Lucet­te Acher­mann las, war sie berührt von der Offen­heit und Selbst­aus­künf­te der Män­ner. Und Kat­rin Rohn­stock war begeis­tert, wie die Män­ner jen­seits von Kli­schees von ihren Ver­un­si­che­run­gen erzähl­ten. Wäh­rend ihrer eige­nen Arbeit an dem Buch stell­te Kat­rin Rohn­stock dann fest: „Die alten Rol­len­mo­del­le funk­tio­nie­ren nicht mehr – das zeigt sich in der Kri­se. Und in der Kri­se zeigt sich die Schwä­che, die Ver­un­si­che­rung. Die Ver­un­si­che­rung zu erzäh­len, in Wor­te zu fas­sen und in Form die­ser Pro­to­kol­le les­bar zu machen, kann Vor­bild für ande­re Män­ner sein.”

Lucet­te Acher­mann und Kat­rin Rohn­stock schrie­ben die Kri­sen­er­leb­nis­se der Män­ner anony­mi­siert auf. Lucet­te Acher­mann erleb­te dabei, wie schmerz­haft das Erzäh­len für man­che Män­ner war. Ande­ren Män­nern, schil­der­te Kat­rin Rohn­stock, half das Erzäh­len, die eige­ne Kri­se zu ver­ste­hen und sich davon zu befrei­en.

Selbstironisch und selbstkritisch sehen sich die Männer in »Aus der Bahn geworfen«

Selbst­iro­nisch und selbst­kri­tisch sehen sich die Män­ner in »Aus der Bahn gewor­fen«.

Männer legen intimste Probleme, Schwächen und Niederlagen offen

Ralf, Theo und David, drei von ins­ge­samt zwölf Prot­ago­nis­ten des Buches, lasen aus ihren Geschich­ten vor. Sie erzähl­ten von Rol­len­tausch, von Frus­tra­tio­nen als Haus­mann, von Bezie­hungs­kri­sen, von Miss­brauch im Wai­sen­haus und davon, wie sie aus ihren Kri­sen gelernt hat­ten. Die Lesung mach­te deut­lich: Die Män­ner hat­ten ihre intims­ten Pro­ble­me, ihre Schwä­chen und Nie­der­la­gen für das Buch offen­ge­legt und genau dar­in lag ihre Stär­ke.

Männerkrisen aus der wissenschaftlichen Sicht

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Für Prof. Dr. Syl­ka Scholz zeig­ten die Geschich­ten der Män­ner, wie sehr Män­ner sich dem vor­ge­ge­be­nen „Sein-Sol­len” wider­set­zen.

Die Män­ner aus dem Buch haben alle eins gemein­sam, hielt Prof. Dr. Syl­ke Scholz im Anschluss fest. Sie woll­ten sich nicht anpas­sen und Männ­lich­keits-Erwar­tun­gen erfül­len. Die Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin und Direk­to­rin des Insti­tuts für Sozio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Jena erläu­ter­te zuerst die Geschich­te der bür­ger­li­chen Männ­lich­keit seit dem 18. Jahr­hun­dert, um dann die für die heu­ti­ge Zeit aktu­el­le Fra­ge zu stel­len: Was bedeu­ten Rol­len­bil­der heu­te? Die heu­ti­ge Gesell­schaft müs­se eine Dis­kus­si­on über Rol­len­bil­der füh­ren. Die Geschich­ten der Män­ner aus dem vor­lie­gen­den Buch lie­fer­ten einen wich­ti­gen Bei­trag dazu.

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Prof. Dr. Diet­rich Mühl­berg schluss­fol­ger­te: Das Buch sei vor allem für Frau­en inter­es­sant, um Män­ner ver­ste­hen zu ler­nen.

Auch Prof. Dr. Diet­rich Mühl­berg, einst Kul­tur­wis­sen­schaft­ler an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät Ber­lin, spann einen Bogen von den per­sön­li­chen Geschich­ten der Män­ner zu gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen. Typi­sche Män­ner­be­ru­fe wür­den ver­lo­ren gehen. Folg­lich sei­en von Män­nern neue Fer­tig­kei­ten gefragt. Auch gän­gi­ge Besitz- und Fami­li­en­for­men wür­den sich ver­än­dern, so Mühl­berg, und führ­ten dazu, dass Män­ner ver­un­si­chert sei­en und sich wie­der kon­ser­va­ti­ven Rol­len­bil­dern zuwen­den - ein Trend, der sich in poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen (wie der AfD in Deutsch­land) in ganz Euro­pa nie­der­schla­gen wür­de.

Publikum diskutiert Lösungen

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Für die musi­ka­li­sche Unter­ma­lung sorg­te Mar­co Tschirpke mit sei­nen Impro­vi­sa­tio­nen.

Schließ­lich betei­lig­te sich auch das Publi­kum an der Dis­kus­si­on und tausch­te sei­ne Mei­nun­gen über mög­li­che Lösungs­an­sät­ze für Män­ner­kri­sen aus. Von bezahl­ter Haus­ar­beit war die Rede, von geschlech­ter­ge­rech­ter Poli­tik, von Män­ner­be­we­gun­gen und einer Bewe­gung, die Män­ner und Frau­en ver­eint, um Pro­ble­me zu lösen. Dass sich die meis­ten der heu­ti­gen Män­ner auf­fal­lend viel um ihre Kin­der küm­mern - wie es auch die Geschich­ten aus dem Buch zei­gen - ist ein Trend, den vie­le beob­ach­ten. Ist die­ser Trend, frag­te eine Besu­che­rin, nicht auch schon eine Art Män­ner­be­we­gung?