Matthias Schutza – »Der lange Weg zur Selbstständigkeit — Als Nachfolger im Traditionsbetrieb«

Das Pro­jekt „Erfah­run­gen und Poten­zia­le an einen Tisch – Unter­neh­mer­ge­sprä­che im Lau­sitz Lab“ brach­te 2017/2018 Lau­sit­zer Unter­neh­mer in Erzähl­sa­lons zusam­men. Einer der Erzäh­ler war Mat­thi­as Schutza.  Lesen Sie hier sei­ne Geschich­te.

Ich über­nahm am 1. August 2016 Weiland’s Back­stu­be und bin damit am Ziel mei­nes bis­he­ri­gen beruf­li­chen Weges ange­kom­men. Bei Wei­land wird das Hand­werk gelebt. Aus Forst stam­mend zog die vor­letz­te Gene­ra­ti­on der Bäcker­fa­mi­lie nach Cott­bus und ist seit über hun­dert Jah­ren mit Weiland’s Back­stu­be am Stand­ort ansäs­sig. Ich füh­re das tra­di­ti­ons­rei­che Geschäft wei­ter.

Den Bäcker­be­ruf erlern­te ich in einer klei­nen Hand­werks­bä­cke­rei in Forst. Die Gesel­len­zeit führ­te mich zurück in mei­ne Geburts­stadt Cott­bus. Nach drei Gesel­len­jah­ren beschloss ich: „Wenn ich schon einen Hand­werks­be­ruf erler­ne, dann soll mich das auch in die Selbst­stän­dig­keit füh­ren. Ich mache jetzt mei­nen Meis­ter­brief.“

Ich besuch­te die Säch­si­sche Bäcker­fach­schu­le in Dres­den und schloss als Bes­ter mei­nes Jahr­gangs ab. Oben­drein war ich einer der bes­ten Jung­meis­ter Dres­dens. Des­halb wur­de ich von mei­ner Schu­le als über­gangs­wei­ser Ersatz für die Kon­di­tor­leh­re­rin ange­wor­ben. Das pass­te wun­der­bar, lag mir das Kon­di­tor­hand­werk doch beson­ders am Her­zen.

Ich war 23 Jah­re alt, mei­ne Schü­ler im Meis­ter­kurs für Kon­di­to­ren im Durch­schnitt Mit­te drei­ßig. Ich konn­te den Alters­un­ter­schied jedoch fach­lich wett­ma­chen. Einer mei­ner Schü­ler, ein gestan­de­ner Kon­di­tor­meis­ter Mit­te fünf­zig, bemerk­te aner­ken­nend: „Dem kann ich nichts vor­ma­chen, der ist echt spit­ze!“

Als mein befris­te­ter Ver­trag aus­lief, woll­te ich als Meis­ter wie­der ins Berufs­le­ben ein­stei­gen. Leich­ter gesagt als getan. In unse­rer Regi­on ein Unter­neh­men zu fin­den, das einen Meis­ter ein­stellt – für das ent­spre­chen­de Gehalt –­ ist nahe­zu aus­sichts­los. Aber ich bin Lau­sit­zer, in Cott­bus gebo­ren, und woll­te mei­ne Hei­mat nie ver­las­sen.

Ich schal­te­te eine Chif­fre­an­zei­ge bei der Hand­werks­kam­mer Cott­bus und erhielt das Ange­bot, in einer Bäcke­rei in Lüb­ben­au zu arbei­ten. Ich bin jedoch Hand­wer­ker aus Lei­den­schaft! Weil das Hand­werk in die­ser Bäcke­rei nicht so gelebt wur­de, wie ich es mir vor­stell­te, such­te ich nach acht Wochen das Wei­te.

Als nächs­tes ging ich in die Spit­zen­gas­tro­no­mie. In der Kolo­nie­schän­ke in Burg im Spree­wald buk ich Kuchen und Fein­ge­bäck. Wenn Not am Mann war, koch­te ich oder küm­mer­te mich um den Ser­vice. Ich arbei­te­te auch an der Rezep­ti­on. Wur­de ich gefragt: „Wer sind Sie eigent­lich hier im Hau­se?“, lau­te­te mei­ne Ant­wort: „Ich bin der Mann für alles.“

Die Abwechs­lung mach­te mir Spaß. Ich fühl­te mich pudel­wohl und dach­te: Die­ser Job ist für die Ewig­keit. Von der Geschäfts­füh­re­rin lern­te ich eine Men­ge. Außer­dem küm­mer­te ich mich um mei­ne Qua­li­fi­zie­rung. Weil es mit mei­nem ers­ten Meis­ter­brief so gut geklappt hat­te, sag­te ich mir: „Mach doch noch dei­nen Kon­di­tor­meis­ter!“

Ich nahm an einem För­der­pro­gramm der Hand­werks­kam­mer teil und absol­vier­te den Meis­ter­vor­be­rei­tungs­lehr­gang bei der IGV in Pots­dam-Reh­brü­cke. War ich noch in Dres­den der Bes­te mei­nes Jahr­gangs gewe­sen, stieß ich hier an mei­ne Gren­zen. Genau­er gesagt: an Gene­ra­tio­nen­gren­zen.

In der Spit­zen­gas­tro­no­mie hat­te ich mir eini­ge Rezep­te ein­fal­len las­sen. Ich buk Kür­bis­kern- oder pikan­ten Kar­tof­fel-Baum­ku­chen, koch­te süße Din­kel-Risot­to und der­glei­chen mehr. Nun sah ich mich einer Prü­fungs­kom­mis­si­on mit einem Durch­schnitts­al­ter von über fünf­und­sech­zig Jah­ren gegen­über. Vie­les von dem, was ich anbot, ver­stan­den sie nicht. Da die meis­ten der Prü­fer nicht als selbst­stän­di­ge Kon­di­to­ren tätig waren, wuss­ten sie nicht, was die Kun­den ver­lang­ten. „Leu­te, das funk­tio­niert so nicht!“, dach­te ich bei mir. „Wie wollt ihr jun­ge Leu­te für den Beruf begeis­tern, wenn hier nur alte Män­ner sit­zen?“

Von der Meis­ter­schu­le in Dres­den kann­te ich es anders. Dort leb­ten sie den Hand­werk­stolz und kei­ner in der Prü­fungs­kom­mis­si­on war älter als vier­zig. Letzt­lich absol­vier­te ich die Kon­di­tor­meis­ter­prü­fung zu mei­ner ­– und der Prü­fer ­– Zufrie­den­heit, eben­falls als bes­ter mei­ner Meis­ter­klas­se. Inzwi­schen bin ich selbst als Prü­fer für Kon­di­tor­meis­ter zuge­las­sen.

Mei­ne Zeit in der Gas­tro­no­mie in Burg war schön. Lei­der muss­te die Geschäfts­füh­re­rin 2013 gehen, weil es pri­va­te Dif­fe­ren­zen zwi­schen ihr und dem Inha­ber des Hau­ses gab. Nun stand ich an vor­ders­ter Front. Im Grun­de lei­te­te ich das Haus. Nie­mand frag­te, ob ich die Ver­ant­wor­tung über­neh­men woll­te oder nicht – ich tat es ein­fach. Erst nach zwei Jah­ren ent­schied der Eigen­tü­mer des Hotels, einen neu­en Geschäfts­füh­rer zu suchen.

„War­um tust du das?“, frag­te ihn das Team. „Wir haben doch einen, der das gut macht!“ Die Zah­len hat­ten sich nicht ver­schlech­tert, ganz im Gegen­teil. Es lief wun­der­bar. Aber der Inha­ber blieb dabei: „Ein Geschäfts­füh­rer muss her!“

Eini­ge Kan­di­da­ten stell­ten sich vor. Ich merk­te schon beim Her­ein­kom­men: Das passt nicht. Wir waren ein beson­de­res Haus, ein Bio-Hotel. Gemein­sam hat­ten wir das Bio-Label durch­ge­setzt. Es hat­te Aben­de gege­ben, an denen stan­den wir heu­lend in der Küche, weil wir so fer­tig waren. Die ers­te Zeit zehr­te an der Sub­stanz, doch nach dem zwei­ten Jahr ging es auf­wärts. Wir erwirt­schaf­te­ten her­vor­ra­gen­de Zah­len, die Arbeit mach­te rie­si­gen Spaß. Die­se Erfah­rung schweiß­te unser Team zusam­men. Noch heu­te tref­fen wir uns regel­mä­ßig zum Stamm­tisch. Die Stamm­kund­schaft lieb­te uns. Sie kamen nicht nur wegen des Essens, son­dern unse­ret­we­gen! Eine tol­le Bestä­ti­gung.

Ich bot unse­rem Chef an, die Posi­ti­on des Geschäfts­füh­rers offi­zi­ell zu über­neh­men: „Hör zu, ich mache das. Aber wir müs­sen übers Geld reden.“

Dar­auf folg­te sein Spruch: „Wegen hun­dert Euro brau­chen wir uns doch nicht zu unter­hal­ten.“

„Häng an die Hun­dert noch eine Null dran, dann kom­men wir lang­sam in nen­nens­wer­te Berei­che.“

Damit war das The­ma vom Tisch. Mein Chef gab ungern Geld fürs Per­so­nal aus. Also ver­ließ ich Burg.

Im April 2015 wech­sel­te ich zum Scho­ko­la­den­her­stel­ler feli­ci­tas in Hor­now. Ich lei­te­te das Café und die gesam­te Gas­tro­no­mie. Um den gas­tro­no­mi­schen Bereich auf Vor­der­mann zu brin­gen ­– er war ohne Fach­per­so­nal auf­ge­baut wor­den und gehör­te nicht zum Kern­ge­schäft der Con­fi­se­rie –­ räum­te ich ordent­lich auf. Inner­halb des ers­ten Vier­tel­jah­res ent­ließ ich eini­ge Mit­ar­bei­ter, die nicht vom Fach waren und stell­te neue ein. Ich merk­te jedoch schnell: Mit mei­ner Eigen­in­itia­ti­ve tat sich die Unter­neh­mens­lei­tung schwer.

Eines schö­nen Tages ent­deck­te ich bei der Hand­werks­kam­mer eine Chif­fre­an­zei­ge aus Cott­bus und sah mei­ne Chan­ce gekom­men. „Bei der ange­ge­be­nen Zahl der Mit­ar­bei­ter und Filia­len kann das eigent­lich nur Wei­land sein,“ über­leg­te ich. Alle ande­ren Bäcke­rei­un­ter­neh­men die­ser Grö­ße hat­ten ent­we­der bereits einen Nach­fol­ger oder waren neu auf dem Markt. Als das ers­te Tref­fen bei der Hand­werks­kam­mer anstand, tra­ten tat­säch­lich die Wei­lands zur Tür her­ein.

Wir waren uns schnell sym­pa­thisch. Die Wei­lands freu­ten sich, dass sie einen Inter­es­sen­ten für ihr Geschäft gefun­den hat­ten. Denn im Hand­werk, und beson­ders bei den Bäckern, sind mög­li­che Nach­fol­ger rar. Es besteht die Gefahr, dass unser Beruf in den nächs­ten Jah­ren sang- und klang­los unter­geht. Dabei gehö­ren wir zu den tra­di­tio­nel­len Hand­werks­be­ru­fen, die etwas wert sind.

Die Wei­lands stell­ten mich zunächst als Bäcker ein. Ich arbei­te­te als nor­ma­ler Ange­stell­ter und war zugleich als Nach­fol­ger in spe vor Ort. Es lief gut an. Auch die Zah­len stimm­ten. Die Fami­lie Wei­land hat­te ihre Schäf­chen längst im Tro­cke­nen. Sie wohn­ten zwar noch über der Bäcke­rei, besa­ßen aber bereits eine Eigen­tums­woh­nung, in die sie nach der Geschäfts­über­ga­be umzie­hen woll­ten. Sie waren nicht dar­auf ange­wie­sen, dass der Nach­fol­ger ihnen eine gro­ße Ablö­se zahl­te. Oben­drein waren sich die drei Töch­ter einig: „Wir möch­ten mit dem Geschäft nichts zu tun haben. Lasst uns da bit­te raus.“

So ein­fach, wie wir es uns vor­stell­ten, lief der Über­ga­be­pro­zess jedoch nicht. Eine Toch­ter der Wei­lands – sie ist Rechts­an­wäl­tin und Steu­er­be­ra­te­rin – half uns, die Ver­trä­ge auf­zu­set­zen. Ich zog eine exter­ne Unter­neh­mens­be­ra­te­rin hin­zu, die mei­ne Inter­es­sen als Käu­fer ver­trat. Eine sen­si­ble Ange­le­gen­heit! Kommt ein Drit­ter mit an den Tisch, muss er genau zu den Betei­lig­ten pas­sen. Ich hat­te zunächst einen Bera­ter in pet­to. Als rei­ner Zah­len­mensch erwies er sich jedoch als unge­eig­net. Es stan­den eine Men­ge Emo­tio­nen im Raum. Die Wei­lands führ­ten das Unter­neh­men in der vier­ten Gene­ra­ti­on. Die Ent­schei­dung: „Wir geben es aus der Fami­li­en­hand“, war für sie ein gewal­ti­ger Schritt.

Ich such­te mir also jemand Ande­res. Mei­ne Wahl fiel auf eine Frau, die ich seit Jah­ren gut kann­te, die über jah­re­lan­ge Erfah­rung und einen guten Ruf ver­füg­te. Es lief von Anfang an sehr har­mo­nisch. Wir fan­den stets eine gemein­sa­me Ebe­ne.

Die Wei­lands leg­ten alles auf den Tisch: „Hier sind die Bücher der letz­ten fünf­zehn Jah­re, guckt sie euch an.“ Damit konn­ten wir wun­der­bar arbei­ten. Schnell war der Busi­ness­plan geschrie­ben. Durch die Unter­neh­mens­be­ra­te­rin ver­füg­ten wir über gute Kon­tak­te zu den Ban­ken.

Die­se Hil­fe­stel­lung brauch­te ich, denn als Ange­stell­ter hat­te ich kei­ne grö­ße­re Sum­me zurück­le­gen kön­nen. An einer Stan­dard­fi­nan­zie­rung mit zehn oder fünf­zehn Pro­zent Eigen­ka­pi­tal wäre ich geschei­tert.

Wir hoff­ten zunächst auf die ILB, die uns för­dern woll­te – und eine Woche vor Ver­trags­ab­schluss doch noch absag­te.

Schließ­lich gelang die Finan­zie­rung durch mei­ne Haus­bank – dank des Kun­den­be­ra­ters, der an das Pro­jekt und an mich glaub­te. „Hör zu, wir knüp­peln das jetzt durch,“ sag­te er. „Wir krie­gen das hin.“ Nach­dem wir um ein Haar an der Finan­zie­rung geschei­tert wären, gelang uns die Über­ga­be.

Ein hal­bes Jahr arbei­te­te ich als Ange­stell­ter im Unter­neh­men und lern­te alle Arbeits­ab­läu­fe ken­nen. War­um ich wirk­lich hier war, durf­te kei­ner wis­sen. Die ande­ren beob­ach­te­ten mich den­noch. Nach vier Mona­ten frag­te mich eine Kol­le­gin: „Und wann kaufst du die Bude nun end­lich?“

Wir konn­ten es nicht mehr ver­ber­gen. Als die Finan­zie­rung stand, beraum­ten wir ein offi­zi­el­les Tref­fen an, um der Mann­schaft den Inha­ber­wech­sel zu ver­kün­den. Eigent­lich waren alle glück­lich, eigent­lich. Das Unter­neh­men hat­te bis dahin offi­zi­ell Herrn Wei­land gehör­te. Frau Wei­land war bei ihm ange­stellt, im Unter­neh­men wur­de das jedoch anders gelebt. Die Frau war die Che­fin. Am 1. August 2016 dreh­ten wir den Spieß um. Frau Wei­land war von nun an mei­ne Ange­stell­te, und ich der Chef, nicht nur auf dem Papier.

Auch Herr Wei­land blieb als Bäcker im Unter­neh­men. „Ich hel­fe dir, wenn du mich brauchst,“ sag­te er. „Aber ich will hier nichts mehr ver­die­nen.“

Schnell kris­tal­li­sier­te sich her­aus, dass die Wei­lands ein Pro­blem hat­ten, auf mich zu hören. Das ver­stand ich, schließ­lich hat­ten sie das Unter­neh­men über vier­zig Jah­re gelei­tet. Zudem pfle­ge ich einen gänz­lich ande­ren Füh­rungs­stil als mei­ne Vor­gän­ger. Ich bin bis heu­te nicht der Chef, der über allen steht – ich bin der Mat­thi­as. Und ich rede mit mei­nem Team offen über Zah­len. Wenn es eng wird, müs­sen es die Ange­stell­ten wis­sen. Schließ­lich leben sie genau­so im Unter­neh­men wie ich und tra­gen eben­falls Ver­ant­wor­tung.

Bald bemerk­te ich, dass sich Herr Wei­land mehr und mehr zurück­zog. Eines Abends nahm mich sei­ne Frau bei­sei­te: „Bit­te, lass ihn daheim. Er schafft das nicht mehr. Er kommt damit nicht klar.“

„Gut“ sag­te ich, obwohl wir damit in einen Eng­pass gerie­ten. Wir muss­ten sei­ne Stel­le neu beset­zen.

Aber wo fin­den sich gute Mit­ar­bei­ter? In der Gas­tro­no­mie lern­te ich: Willst du gute Kell­ner, musst du sie abwer­ben. Du gehst also bei der Kon­kur­renz essen und guckst dir das Per­so­nal an. Dem bes­ten Kell­ner legst du ein schö­nes Trink­geld hin und fragst: „Was ver­dienst du?“

„Min­dest­lohn.“

„Wir zah­len mehr“, sagst du dar­auf – und hast einen neu­en Kell­ner.

In der Gas­tro­no­mie ist das nor­mal. Selbst aus­zu­bil­den stellt kei­ne Lösung dar, denn gute Azu­bis sind gefrag­te Leu­te und nach der Leh­re schnell weg. Sie gehen in die gro­ßen Hotels nach Ber­lin oder stu­die­ren und wech­seln ins Manage­ment. Dar­auf kön­nen wir als Aus­bil­der stolz sein, aber Nach­wuchs für unser eige­nes Unter­neh­men bekom­men wir so nicht.

Wir hat­ten Glück. Nach kur­zer Zeit konn­ten wir Herrn Wei­lands Stel­le neu beset­zen. Von der übri­gen Beleg­schaft ver­ließ kei­ner die Bäcke­rei. Den­noch muss­te ich mich der heik­len Fra­ge stel­len, wie die Mann­schaft mit dem Füh­rungs­wech­sel umge­hen wür­de. Vie­le der Ange­stell­ten hat­ten sich an den hier­ar­chi­schen Füh­rungs­stil von Frau Wei­land gewöhnt. Wenn sie kam, stan­den alle stramm. Damit fuhr das Geschäft über vier­zig Jah­re lang gut. Ich woll­te es jedoch anders machen. So gestat­te ich mei­nen Ver­käu­fe­rin­nen ihre Frei­hei­ten. Sie dür­fen sich mit den Kun­den unter­hal­ten und gern einen Witz machen. Davon lebt das Geschäft.

Die meis­ten Ange­stell­ten begrü­ßen mei­ne Neue­run­gen. Ein Kol­le­ge, der seit 27 Jah­ren im Unter­neh­men ist, zeig­te sich aus­ge­spro­chen froh: „End­lich kommt jemand, der etwas neu macht.“ Er ist über fünf­zig und bringt zuneh­mend eige­ne Ide­en ein. Ich mer­ke, dass er sich mit der Fir­ma ver­bun­den fühlt und neh­me sei­ne Vor­schlä­ge gern an: „Klar, das über­zeugt mich. Wir machen es so, wie du es möch­test.“

Er führt die Back­stu­be inzwi­schen am Wochen­en­de.

Mit einer Ver­käu­fe­rin geriet ich jedoch kürz­lich anein­an­der: „Bei Wei­lands haben wir das aber anders gemacht,“ sag­te sie. Da wur­de ich aus­nahms­wei­se laut: „Weißt du, ich habe dein Schimp­fen ein Jahr lang ertra­gen, aber nun ist Schluss! Ent­we­der du akzep­tierst, wie es jetzt ist, oder du ent­schei­dest dich, zu gehen.“

Da Fami­lie Wei­land direkt über der Back­stu­be wohn­te, waren sie sie­ben Tage die Woche 24 Stun­den vor Ort und sofort zur Stel­le, wenn etwas anlag. Ich muss­te für mich das rich­ti­ge Maß fin­den, um den Anfor­de­run­gen des Per­so­nals gerecht zu wer­den. Anfangs dach­te ich: „Auch ich muss immer ansprech­bar sein!“ Ich pro­bier­te es und blieb bis zu vier­zehn Stun­den am Tag im Geschäft. Ein sol­ches Pen­sum schafft man ein vier­tel, auch ein hal­bes Jahr lang. In der Anfangs­zeit war ich vol­ler Ener­gie, zwei Stun­den Schlaf reich­ten. Irgend­wann fiel ich jedoch in ein Loch.

Mei­ne Unter­neh­mens­be­ra­te­rin half mir in die­ser Zeit. Über die Jah­re unse­rer Zusam­men­ar­beit wur­den wir gute Freun­de. Als sie merk­te, dass ich in den Sei­len hing, über­nahm sie das Büro. Nach ihrer eige­nen Arbeit küm­mer­te sie sich um mei­ne Abrech­nun­gen – und ich konn­te schla­fen. Sie ging, genau wie ich, an ihre Gren­zen. Nur weil ich sol­che Leu­te hin­ter mir wuss­te, funk­tio­nier­te ich. Tele­fo­nier­ten wir, frag­te sie als ers­tes: „Wie lan­ge hast du heu­te geschla­fen? Das ist das Aller­wich­tigs­te, Mat­thi­as!“

Als ich das Gefühl hat­te, aus­zu­bren­nen, sag­te ich mir: „Das muss ich mir nicht antun.“

Heu­te arbei­te ich von Mon­tag bis Frei­tag – ste­he jeweils sechs Stun­den in der Back­stu­be und sit­ze anschlie­ßend eine Stun­de im Büro. Am Wochen­en­de führt das Per­so­nal die Regie. Wenn ich mon­tags in die Back­stu­be kom­me, ist alles vor­be­rei­tet. Ich ver­traue mei­nen Mit­ar­bei­tern voll und ganz. Und sie kön­nen sich auf mich ver­las­sen. Bei­des gehört fest zusam­men.

Mir ist wich­tig, dass die Mit­ar­bei­ter regel­mä­ßig am Zehn­ten des Monats ihr Geld bekom­men, schließ­lich müs­sen sie ihren pri­va­ten finan­zi­el­len Ver­pflich­tun­gen nach­kom­men. Kön­nen sich mei­ne Leu­te auf mich ver­las­sen, fol­gen sie mir durch Dick und Dünn. Denn was nüt­zen mir hand­werk­li­che Meis­ter­schaft und all mei­ne Ide­en, wenn mei­ne Ver­käu­fe­rin­nen die Pro­duk­te nicht mit Über­zeu­gung an die Kun­den brin­gen und hin­ter unse­ren Waren ste­hen!

Um unse­re Kund­schaft hat­ten wir uns schon zu Beginn des Über­ga­be­pro­zes­ses Gedan­ken gemacht. Wir befürch­te­ten, Stamm­kun­den zu ver­lie­ren. Womög­lich wür­den sie den­ken: „Jetzt ist es nicht mehr Wei­land!“ Des­halb häng­ten wir die Geschäfts­über­ga­be nicht an die gro­ße Glo­cke. Vor weni­gen Tagen frag­te mich eine Stamm­kun­din: „Sind Sie jetzt wirk­lich der Neue?“

„Ja“ sag­te ich, „schon seit über einem Jahr.“

„Echt? Ich habe das gar nicht mit­be­kom­men.“

Wun­der­bar, den­ke ich da.

In der Nähe unse­res Haupt­ge­schäfts in der Karl­stra­ße in Cott­bus leben vor allem jun­ge Men­schen, dar­un­ter vie­le Stu­den­ten. Wir sind eine Voll­korn­bä­cke­rei, unser gro­ßes Ange­bot an Voll­korn­pro­duk­ten trifft ihren Geschmack. In unse­rem Laden in San­dow dage­gen beträgt das Durch­schnitts­al­ter der Kund­schaft über sech­zig. Die Ver­käu­fe­rin steht seit zwan­zig Jah­ren hin­ter der The­ke. Dort heißt es: „Ich neh­me mei­ne zwei Sem­mel und drei Stück­chen Kuchen, so wie immer – und wie war der Arzt­be­such?“ Ähn­lich geht es in Sie­low von­stat­ten. Dort ste­hen mei­ne bei­den Gold­stü­cke hin­ter der Ver­kaufs­the­ke. Die Kun­den kom­men nicht nur zu ihnen, um fri­sche Bröt­chen zu kau­fen, son­dern auch, um die neu­es­ten Geschich­ten aus dem Dorf aus­zu­tau­schen. Die­se sozia­le Bin­dung darf ich nie aus den Augen ver­lie­ren.

Weil das Geschäft immer bes­ser lief, rekru­tier­te ich wei­te­re Mit­ar­bei­ter für den Ver­kauf und die Back­stu­be sowie einen Bank­kauf­mann, der das Büro managt. Als zwei mei­ner Ver­käu­fe­rin­nen in Mut­ter­schutz gin­gen, muss­te ich erneut auf­sto­cken. Eines Tages klin­gel­te das Tele­fon und eine Frau­en­stim­me sag­te: „Zum Ende des Jah­res läuft der Ver­trag bei mei­ner jet­zi­gen Fir­ma aus. Kann ich mich bei Ihnen vor­stel­len?“

„Ja, gern! Kom­men Sie ein­fach vor­bei.“

„Wie?“, staun­te die Frau, „so schnell geht das? Aber ich habe mei­ne Bewer­bung noch nicht fer­tig.“

„Das ist nicht schlimm, für mich zählt ohne­hin der Mensch.“

Die Dame kam vor­bei. Sie war bereits sech­zig Jah­re alt und sag­te: „Na, Haupt­sa­che Sie haben kein Pro­blem mit mei­nem Alter.“

„Haupt­sa­che Sie haben kein Pro­blem mit mei­nem Alter“, ent­geg­ne­te ich, und das Eis war gebro­chen. Wir stell­ten sie ein – und auch sie erwies sich als ech­tes Gold­stück. Sie ist eine Frau mit Lebens­er­fah­rung und steht ganz anders hin­ter der The­ke, als uner­fah­re­ne jun­ge Leu­te.

An mei­nem Geburts­tag trat sie zu mir, umarm­te mich und sag­te: „Mat­thi­as, ich dan­ke dir, dass ich das noch erle­ben darf in mei­nem Alter.“

In die­sem Augen­blick dach­te ich: Irgend­et­was hast du als Chef wohl rich­tig­ge­macht.