Michael Stein – »Von Null auf Hundert in einer Nacht«

Das Pro­jekt „Erfah­run­gen und Poten­zia­le an einen Tisch – Unter­neh­mer­ge­sprä­che im Lau­sitz Lab“ brach­te 2017/2018 Lau­sit­zer Unter­neh­mer in Erzähl­sa­lons zusam­men. Einer der Erzäh­ler war Micha­el Stein.  Lesen Sie hier sei­ne Geschich­te.

Micha­el Stein im Erzähl­sa­lon „Wie ich mein Unter­neh­men auf­bau­te”

Ich bin Jahr­gang 1956, Inge­nieur für Maschi­nen­bau sowie Schweiß­fach­in­ge­nieur und im Kraft­werks­an­la­gen­bau tätig. Bevor ich als geschäfts­füh­ren­der Gesell­schaf­ter der Kraft­werk-Ser­vice Cott­bus Anla­gen­bau GmbH (KSC) mit Sitz in Peitz fun­gier­te, war ich ange­stell­ter Geschäfts­füh­rer bei der Vor­gän­ger­fir­ma KSC.

In dem 1992 gegrün­de­ten Ver­bund-Unter­neh­men lief vie­les nicht, wie es mei­nen Vor­stel­lun­gen ent­sprach. So wur­den Fir­men zusam­men­ge­legt, deren Port­fo­li­os sich grund­le­gend unter­schie­den. KSC stand vor dem Aus. Auf der ande­ren Sei­te stand eine hoch­mo­ti­vier­te Mann­schaft hin­ter mir. So kam mir der Gedan­ke: Ich mache mich mit­tels Manage­ment Buy-out selbst­stän­dig.

1996 voll­zog ich die­sen har­ten und schrof­fen Schnitt und fing von einem Tag auf den ande­ren mit hun­dert Leu­ten an. Mei­ne Angst: Wie bekom­me ich das finan­ziert? Schließ­lich hat­te ich mich reich­lich unbe­küm­mert, aber ent­schlos­sen in die­ses Aben­teu­er gestürzt, weil ich dach­te: Mit die­ser hoch­mo­ti­vier­ten Trup­pe muss es ein­fach funk­tio­nie­ren!

Von die­ser Über­zeu­gung getrie­ben ging ich zur Bank. Doch ich wuss­te nicht, wie ich mit den Ban­kern reden muss­te, um mein Ziel zu errei­chen. Wie soll­te ich mich arti­ku­lie­ren, wie vor ihnen auf­tre­ten? Heu­te ren­nen mir Kre­dit­in­sti­tu­te die Bude ein, damals muss­te ich bit­ten und bet­teln.

Den Schritt in die Selbst­stän­dig­keit voll­zog ich am 1. März 1996. Exakt mit die­sem Datum zeich­ne­te ich voll und ganz ver­ant­wort­lich für mein Unter­neh­men und des­sen Ange­stell­te. Wie sich das anfühl­te, weiß ich bis heu­te. Mit­ten in der Nacht wach­te ich auf und frag­te mich laut: »Was hast du getan? Du hast hun­dert Leu­te an der Hacke und kei­ne Bank, die das finan­ziert!«

Über ein hal­bes Jahr ging ins Land, ehe sich im Herbst 1996 eine Bank durch­rang, mei­nen Vor­stel­lun­gen zu fol­gen. Dabei half mir, dass ich Kun­den besaß, die ver­trau­ens­voll mit uns zusam­men­ar­bei­te­ten und unse­re Ver­trä­ge ein­hiel­ten. Zum Teil han­del­te es sich um Kun­den der alten KSC, deren Auf­trä­ge wir wei­ter­führ­ten oder neu abschlos­sen, zum Teil gewan­nen wir Kun­den im frei­en Wett­be­werb.

Ich bin allen Unter­neh­men, für die wir in der Anfangs­zeit Leis­tun­gen erbrach­ten, dank­bar, dass sie unse­re Rech­nun­gen zügig und zeit­nah begli­chen. Das war über­le­bens­wich­tig. Schließ­lich muss­ten wir mit dem ers­ten Tag des Bestehens unse­rer Fir­ma Mit­ar­bei­ter und Lie­fe­ran­ten bezah­len. Heu­te dür­fen wir stolz sagen: In der zwan­zig­jäh­ri­gen Geschich­te unse­res Unter­neh­mens zahl­ten wir den Lohn kein ein­zi­ges Mal unpünkt­lich. Jedes Jahr rea­li­sier­ten wir eine Lohn­er­hö­hung, jedes Jahr Urlaubs- und Weih­nachts­geld für alle Mit­ar­bei­ter. Ihre Zahl ist mitt­ler­wei­le auf hun­dert­sieb­zig ange­stie­gen.

Wie unser Name besagt, sind wir vor­der­grün­dig in Kraft­wer­ken tätig. Instand­hal­tung und Instand­set­zung zäh­len zu unse­ren Leis­tun­gen, genau wie der Anla­gen­bau. Die­se Berei­che brach­ten auf­grund der Struk­tur unse­rer Regi­on loh­nens­wer­te Auf­trä­ge. Die Umsatz­kur­ve ging steil nach oben. Wir fin­gen bei zwei Mil­lio­nen Euro im Jahr an und ste­hen jetzt bei 34 Mil­lio­nen.

Im Tur­bi­nen­werk in Gör­litz arbei­tet KSC mit Sie­mens zusam­men, oder bes­ser: Wir dür­fen mit Sie­mens arbei­ten. Dort, in der »Per­le an der Nei­ße«, ist etwas Wun­der­ba­res ent­stan­den. Vor zehn Jah­ren über­nah­men wir den Bau der Kon­den­sa­to­ren vom Sie­mens-Werk. Die Kon­den­sa­to­ren wur­den fort­an als »made by KSC« gela­belt. Das Erfolgs­re­zept basier­te dar­auf, dass der Glo­bal Play­er Sie­mens das Know-how auf einen regio­na­len Mit­tel­ständ­ler über­trug. Der Trans­fer funk­tio­nier­te wun­der­bar.

Der Struk­tur­wan­del ist für mich Anlass, über die Zukunft unse­rer Fir­ma nach­zu­den­ken. Für die Regi­on ist es der zwei­te Struk­tur­wan­del nach 1990. Damals galt es, den Über­gang von der sozia­lis­ti­schen Plan­wirt­schaft in die sozia­le Markt­wirt­schaft zu voll­zie­hen. Das haben wir gemeis­tert.

Ein wei­te­rer Anlass mani­fes­tiert sich in der Fra­ge: Wann gehst du in den Ruhe­stand? Mit mei­nen sech­zig Jah­ren füh­le ich mich dafür ver­ant­wort­lich, im Unter­neh­men für Nach­wuchs zu sor­gen – nicht nur auf der Lei­tungs-, son­dern auch auf der Pro­duk­ti­ons­ebe­ne. Die­sem Nach­wuchs kann und will ich kein gemach­tes Nest hin­ter­las­sen. Sicher will ich ihm mit dem bis­her Erreich­ten eine Basis bie­ten, dazu aber auch den Frei­raum, um ange­sichts des Struk­tur­wan­dels neue Ide­en zu fin­den und umzu­set­zen.

Uns bei KSC ist bewusst, dass die Tage der Braun­koh­le gezählt sind und dass wir nach Alter­na­ti­ven suchen müs­sen. In mei­nen Augen ist Sven Köh­ler der Rich­ti­ge dafür. Er hat die Opti­on, nach mei­nem Aus­stieg die Unter­neh­mens­lei­tung als Geschäfts­füh­rer zu über­neh­men. Für mei­ne Nach­fol­ge ist – mit aus­rei­chen­der Zeit, um alles umzu­set­zen – gesorgt.

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