Monika Jaeckel »(M)ein bewegtes Leben«

Monika Jaeckel Buchcover

Moni­ka Jaeckel
»(M)ein beweg­tes Leben«
Ulri­ke Hel­mer Ver­lag
2011, 196 S., 19,95 Euro
ISBN 978-3-89741-333-7

Moni­ka Jaeckel - (M)ein beweg­tes Leben

Auf­ge­schrie­ben von Kat­rin Rohn­stock und Rosi­ta Mül­ler
Rohn­stock Bio­gra­fi­en (Hg.)

Moni­ka Jaeckel, 1949 gebo­ren und bereits kurz nach ihrem 60. Geburts­tag ver­stor­ben, war ein Mul­ti­ta­lent: Pio­nie­rin, Spon­ti, Les­be, Sän­ge­rin, Kos­mo­po­li­tin, Sozio­lo­gin, Kämp­fe­rin für die Frau­en­rech­te und Initia­to­rin der Müt­ter­zen­tren – immer ihrer Zeit vor­aus, immer auf der Suche nach dem rich­ti­gen Leben. Weni­ge Mona­te vor ihrem Tod erzählt Moni­ka Jaeckel der lang­jäh­ri­gen Freun­din Kat­rin Rohn­stock ihre Lebens­ge­schich­te: Begin­nend in Japan, wo sie als Toch­ter eines Mis­sio­nars gebo­ren wur­de, über den Frank­fur­ter Häu­ser­kampf der Stu­den­ten­be­we­gung, die Frau­en- und Müt­ter­zen­trums­be­we­gung bis hin zum spä­ten pri­va­ten Glück in den Nie­der­lan­den. Nun ist aus den Erzäh­lun­gen eine fas­zi­nie­ren­de Auto­bio­gra­fie ent­stan­den, die als exem­pla­risch für die Pio­nier­ge­nera­ti­on von intel­lek­tu­el­len, enga­gier­ten Frau­en gel­ten kann und ins­be­son­de­re für Zeit­ge­nos­sIn­nen, jun­ge Frau­en sowie an der Ent­ste­hung des Femi­nis­mus Inter­es­sier­te äußerst span­nend sein dürf­te.

Im ver­wun­sche­nen Japan der Fünf­zi­ger­jah­re als Toch­ter einer deut­schen Pas­to­ren­fa­mi­lie auf­ge­wach­sen, kommt Moni­ka als Elf­jäh­ri­ge ins klein­ka­rier­te Deutsch­land. Im Mäd­chen­gym­na­si­um rebel­liert sie gegen den Fron­tal­un­ter­richt; sie geht nach Frank­furt, stu­diert bei Ador­no und Haber­mas, kämpft im Häu­ser­kampf, wie Josch­ka Fischer und Dani­el Cohn-Ben­dit, gegen den Kapi­ta­lis­mus. Sie arbei­tet und agi­tiert fast ein Jahr bei Opel am Fließ­band, enga­giert sich in der Frau­en­be­we­gung, wird Sän­ge­rin der »Fly­ing Les­bi­ans«. Spä­ter forscht sie als Sozio­lo­gin beim Deut­schen Jugend­in­sti­tut Mün­chen zu frau­en- und fami­li­en­po­li­ti­schen The­men, wen­det sich als Akti­ons­for­sche­rin schließ­lich immer stär­ker den Müt­tern zu. Hier fin­det die Kin­der­lo­se ihre Lebens­auf­ga­be.

Moni­ka Jaeckel ent­wi­ckelt das Kon­zept der Müt­ter­zen­tren, die Müt­tern einen sozia­len Raum jen­seits der eige­nen vier Wän­de schaf­fen und Anlei­tung zur Selbst­hil­fe geben. Mit Ener­gie und Inspi­ra­ti­on treibt sie die Idee inhalt­lich vor­an. Es ent­steht eine Müt­ter­zen­trums­be­we­gung, die ganz Deutsch­land ergreift und – zu gro­ßen Tei­len durch Moni­kas uner­müd­li­ches inter­na­tio­na­les Enga­ge­ment – inzwi­schen auch in Ost- und West­eu­ro­pa, Afri­ka, Asi­en, Nord- und Süd­ame­ri­ka Anhän­ger fin­det, wo sich neue Zen­tren grün­den. Die­se Bewe­gung initi­iert, wis­sen­schaft­lich beglei­tet und poli­tisch pro­te­giert zu haben, ist Moni­ka Jaeckels größ­ter poli­ti­scher Ver­dienst. Ihre Bedeu­tung als Archi­tek­tin der Müt­ter­zen­trums­be­we­gung, als zuver­läs­sig unter­stüt­zen­der Coach, kann nicht hoch genug geschätzt wer­den.

Im Jahr 2008 ereilt die beken­nen­de Wor­k­a­ho­li­ce­rin die Dia­gno­se: Krebs, weit fort­ge­schrit­ten und ohne rea­lis­ti­sche Hei­lungs­chan­ce. Obwohl sie vom nahen Ende weiß, ist ihr Rück­blick so undog­ma­tisch und frech, wie sie immer war – ohne jede fal­sche Sen­ti­men­ta­li­tät. Der Stil ihrer Erzäh­lung ist luf­tig und leicht, pen­delt mühe­los zwi­schen schnodd­ri­ger Pole­mik und sen­si­bler Erkun­dung der eige­nen Per­sön­lich­keit. In Brie­fen an Freun­de und Bekann­te berich­tet sie scho­nungs­los – von ihrer Angst, ihrer Hoff­nung, ihren Schmer­zen und schließ­lich: von ihrem Ster­ben.

Am 21. Okto­ber 2011 fand die Buch­pre­mie­re statt. Weg­ge­fähr­ten der Frau­en­recht­le­rin lasen im Salon von Rohn­stock Bio­gra­fi­en aus der post­hum erschei­nen­den Auto­bio­gra­fie von Moni­ka Jaeckel. Bei Musik und Wein debat­tier­ten die Gäs­te anschlie­ßend über das Erbe der viel­sei­tig akti­ven Femi­nis­tin.