Christina Grätz – »Nicht nur für die Natur - auch für die Menschen«

Christina Grätz beim ersten Unternehmergespräch im Lausitz Lab

Chris­ti­na Grätz beim ers­ten Unter­neh­mer­ge­spräch im Lau­sitz Lab.

Das Pro­jekt „Erfah­run­gen und Poten­zia­le an einen Tisch – Unter­neh­mer­ge­sprä­che im Lau­sitz Lab“ brach­te 2017/2018 Lau­sit­zer Unter­neh­mer in Erzähl­sa­lons zusam­men. Eine der Erzäh­le­rin­nen war Chris­ti­na Grätz. Lesen Sie hier ihre Geschich­te.

Ich bin 42 Jah­re alt und hier in der Lau­sitz auf­ge­wach­sen. Mei­nen Hei­mat­ort nahe Sprem­berg gibt es nicht mehr. Er wur­de abge­bag­gert. Früh lern­te ich, was es bedeu­tet, als Selbst­stän­di­ge zu arbei­ten.

Einer lan­gen Fami­li­en­tra­di­ti­on fol­gend war mein Vater selbst­stän­di­ger Zim­mer­mann mit einem eige­nen Betrieb. Ich schlug in die­ser Hin­sicht zunächst schein­bar völ­lig aus der Art. Als ich mei­ner Fami­lie ver­kün­de­te: „Ich will das Abitur able­gen und Bio­lo­gie stu­die­ren”, fan­den das alle ein biss­chen merk­wür­dig, aber mei­ne Eltern lie­ßen mich machen. Als ich anschlie­ßend anfing, in einem Inge­nieur­bü­ro zu arbei­ten, belä­chel­ten sie mich wohl ein wenig. Inzwi­schen war mein Bru­der selbst­stän­dig, mei­ne zwei­te Schwes­ter eben­falls - und ich also eine Ange­stell­te.

Ich arbei­te­te zehn Jah­re im Inge­nieur­bü­ro. Als Bota­ni­ke­rin erfass­te ich die Vege­ta­ti­on und schrieb schlaue Gut­ach­ten. Auch Vat­ten­fall beauf­trag­te uns. Meist ging es dar­um, zu unter­su­chen, wie Pflan­zen­be­stän­de auf die Grund­was­ser­ab­sen­kung reagier­ten. Zudem beschäf­tig­ten wir uns mit Bio­mo­ni­to­ring, der Umsie­de­lung von Amei­sen­völ­kern und der­glei­chen mehr. Mein Chef war ein ech­ter Patri­arch. Da traf es sich gut, dass er in Ebers­wal­de saß und ich in Jänsch­wal­de. Ich war vor Ort Pro­jekt­lei­ter und Ansprech­part­ner für unse­re Kun­den.

Eines Tages kam Vat­ten­fall auf uns zu: „Wir sind ab jetzt für die Rena­tu­rie­rungs­flä­chen zustän­dig, haben aber bis­her kei­ner­lei Erfah­rung mit der Rekul­ti­vie­rung der­ar­ti­ger Flä­chen. Wir wis­sen, wie man land- und forst­wirt­schaft­lich rekul­ti­viert, aber wie begrünt man Natur­schutz­flä­chen in der Tage­bau­fol­ge­land­schaft aktiv? Wie stellt man also als Berg­mann geschütz­te Bio­to­pe her?”

Die­se Auf­ga­be wur­de mir zuteil. Ich war heil­froh, dass ich end­lich eine prak­ti­sche Auf­ga­be bekam, bei der ich aktiv zum Erhalt und zur Wie­der­an­sied­lung sel­te­ner Arten bei­tra­gen konn­te. Also nicht nur begut­ach­ten und auf­schrei­ben, son­dern wirk­lich etwas tun. Trotz­dem stürz­te ich mich zunächst in die Lite­ra­tur, stu­dier­te For­schungs­be­rich­te zum The­ma sowie die dazu­ge­hö­ri­ge Geset­zes­la­ge - und mach­te mir mei­ne Gedan­ken. Ich ent­wi­ckel­te ein Ver­fah­ren zur groß­tech­no­lo­gi­schen natur­na­hen Begrü­nung der Rena­tu­rie­rungs­flä­chen.

Dabei galt es, die Bestim­mun­gen des Natur­schutz­ge­set­zes zu befol­gen. So lau­tet eine Fest­le­gung, dass freie Land­schaf­ten nur mit gebiets­hei­mi­schem Mate­ri­al begrünt wer­den dür­fen. Das betrifft Stra­ßen­be­gleit­grün, Dei­che und natür­lich auch Berg­bau­fol­ge­land­schaf­ten - schlicht­weg alles, was sich außer­halb von Städ­ten und Dör­fern befin­det.

Das dazu ver­wen­de­te Saat­gut muss aus dem jewei­li­gen Gebiet stam­men und auch dort ver­mehrt wor­den sein. Zu die­sem Zwe­cke wur­de Deutsch­land - mit dem Beschluss des Geset­zes im Jahr 2010 - in 22 Regio­nen unter­teilt. Weil es zu die­ser Zeit jedoch nur drei Saat­gut­pro­du­zen­ten in West­deutsch­land gab, wur­de eine Über­gangs­re­ge­lung bis 2020 fest­ge­legt. Sofern es aller­dings vor­han­den ist, muss auch heu­te schon gebiets­hei­mi­sches Mate­ri­al ver­wen­det wer­den.

Die­se Fest­le­gung brach­te mich auf die Idee: Ich mache mich selb­stän­dig! Natur­na­he Begrü­nun­gen will ich mit einer eige­nen Fir­ma nicht nur in der Berg­bau­fol­ge­land­schaft son­dern über­all in Bran­den­burg sowie in angren­zen­den Bun­des­län­dern umset­zen. Ich erzähl­te mei­nem Chef davon. Sei­ne ers­te Reak­ti­on: „Du brauchst kei­ne Angst haben vor der Selbst­stän­dig­keit.” Was soll das?, dach­te ich nur. Mei­ne Fami­li­en­mit­glie­der sind seit Ewig­kei­ten selbst­stän­dig - wenn es irgend­et­was gibt, wovor ich abso­lut kei­ne Angst habe, dann ist das die Selbst­stän­dig­keit!

„Lass uns das zusam­men machen!”, schlug er mir vor. „Du bist so uner­fah­ren, hast als Bio­lo­gin ja kei­ne Ahnung von Betriebs­wirt­schaft. Wir machen das zusam­men, und ver­spro­chen: Wenn es nicht klappt mit uns, steig ich wie­der aus.” Blau­äu­gig, wie ich war, stimm­te ich zu. Wir grün­de­ten gemein­sam eine Fir­ma, was sich schnell als blan­ke Kata­stro­phe ent­pupp­te. Es klapp­te über­haupt nicht zwi­schen uns, nach zwei Mona­ten reich­te es mir: „Ent­we­der du steigst aus, oder jeder geht sei­ne eige­nen Wege.”

„Ich stei­ge nicht aus”, ant­wor­te­te er ent­ge­gen sei­nem Ver­spre­chen. „Gut, dann lässt Du mir kei­ne Wahl”, mach­te ich Nägel mit Köp­fen. „Ich habe schon alles vor­be­rei­tet. Hier­mit stei­ge ich aus unse­rer gemein­sa­men Fir­ma aus und kün­di­ge mein Ange­stell­ten­ver­hält­nis in dei­ner Fir­ma!” Andern­tags fuhr ich zum Notar und grün­de­te mei­ne Nago­la Re GmbH. Auf dem Fried­richs­hof in Jänsch­wal­de mie­te­te ich ein Büro. Die­ses neue Auf­ga­ben­ge­biet war genau das, was ich machen woll­te. Nach zehn Jah­ren Arbeit im Inge­nieur­bü­ro sah ich mich mit allen dafür nöti­gen Kom­pe­ten­zen aus­ge­stat­tet. Außer­dem ent­schlos­sen sich vie­le unse­rer bis­he­ri­gen Auf­trag­ge­ber: „Wir kom­men mit Ihnen mit!”

Das hieß: Ich muss­te sofort Mit­ar­bei­ter ein­stel­len. Gleich im ers­ten Jahr hol­te ich drei wei­te­re Wis­sen­schaft­ler - alles diplo­mier­te Bio­lo­gen oder Inge­nieu­re -, um die anste­hen­den Auf­trä­ge abzu­ar­bei­ten. Damit ging ich natür­lich ein Risi­ko ein, ich muss­te nun selbst Löh­ne zah­len. Die ers­ten Mona­te waren schwer, doch es klapp­te. Wir arbei­te­ten unse­re Auf­trä­ge ab, begrün­ten für Vat­ten­fall die Rena­tu­rie­rungs­flä­chen des Tage­baus Jänsch­wal­de und gewan­nen neue Auf­trag­ge­ber.

In den ers­ten bei­den Geschäfts­jah­ren such­ten wir im Umkreis der Flä­chen, die wir begrü­nen soll­ten, geeig­ne­te Wie­sen und Hei­den, mäh­ten die­se und brach­ten das Mah­dgut - in dem sich die Samen der Grä­ser und Wild­blu­men der Wie­se befan­den - auf den Maß­nah­men­flä­chen aus. Frag­ten mich die Leu­te: „Wann willst du end­lich Saat­gut­pro­du­zent wer­den?”, erwi­der­te ich: „Ich pro­du­zie­re kein Saat­gut. Ich arbei­te lie­ber mit dem Mah­dgut, das ist natur­schutz­fach­lich bes­ser.”

Ein Jahr spä­ter wur­de mir klar: Die stän­dig stei­gen­de Nach­fra­ge kön­nen wir mit unse­rer Metho­de nie­mals decken. Also ent­schied ich mich, doch selbst Saat­gut zu pro­du­zie­ren. Nun muss­te sich viel ver­än­dern. Denn um Saat­gut zu pro­du­zie­ren, brauch­ten wir Tech­nik, Maschi­nen, gro­ße Flä­chen und Scheu­nen. Es galt, den Ver­sand zu orga­ni­sie­ren, Lager ein­zu­rich­ten, die Keim­fä­hig­keit des Saat­guts zu prü­fen und vie­les ande­re mehr.

Dadurch kamen hohe Inves­ti­tio­nen auf mich zu. Ich woll­te den alten Guts­hof kau­fen, sei­ne maro­den Gebäu­de sanie­ren, alles mit der neu­es­ten Tech­nik aus­stat­ten. Also ging ich zu mei­ner Haus­bank. Hier hieß es: „Ihre Bücher sehen toll aus, wenn das so bleibt, kom­men Sie in fünf Jah­ren wie­der, dann sind die Grün­dungs­jah­re über­stan­den.” Nun stand aber 2020 vor der Tür. Wenn wir in der Regi­on Markt­füh­rer wer­den woll­ten, konn­ten wir unmög­lich fünf Jah­re war­ten. Ich ärger­te mich fürch­ter­lich. Auch, weil ich für den Aus­bau des Guts­hofs kei­ne För­de­rung mehr bean­tra­gen konn­te. Die Fris­ten dafür waren durch die feh­len­de Kre­dit­zu­sa­ge abge­lau­fen.

Über einen Unter­neh­mer­ver­band lern­te ich einen Her­ren ken­nen, der mir eröff­ne­te: „Ich war frü­her bei der Bank und bera­te heu­te Unter­neh­mer. Ich gehe für Sie zur Bank.” Durch die­sen Mann bekam ich inner­halb kur­zer Zeit fünf Zusa­gen ver­schie­de­ner Kre­dit­in­sti­tu­te. Dar­un­ter sogar eine von mei­ner Haus­bank, die ich jedoch ablehn­te. Ers­tens auf­grund ihrer ungüns­ti­gen Kon­di­tio­nen und zwei­tens, weil sie mich noch kurz zuvor so abblit­zen ließ.

Ich bekam also die Kre­di­te, und wir bau­ten alles aus. 2015 wur­den wir damit fer­tig, wobei ich lei­der merk­te: Der Platz reicht immer noch nicht! Bereits im Herbst waren gro­ße Tei­le unse­rer Ern­te aus­ver­kauft, sodass wir im Früh­ling die Anfra­gen nicht mehr aus­rei­chend bedie­nen konn­ten. Also ver­dop­pel­ten wir die Grö­ße unse­rer Anbau­flä­chen und beschlos­sen die nächs­te Bau­maß­nah­me, eine gro­ße Hal­le. Wir stell­ten erneut einen Bau­an­trag, wor­auf uns die Bau­be­hör­de wis­sen ließ: Unser Bau­vor­ha­ben sei nicht zuläs­sig, weil wir uns in einem FFH-Gebiet befän­den, einem euro­päi­schen Natur­schutz­ge­biet.

Ich guck­te auf den Plan und stell­te fest: Tat­säch­lich, wir befin­den uns mit weni­gen Qua­drat­me­tern im Schutz­ge­biet. Auf den besag­ten Qua­drat­me­tern steht wie­der­um bereits ein Gebäu­de, wel­ches wir jedoch abrei­ßen woll­ten, weil es maro­de war. Wie kann ich denn mit einem bereits bebau­ten Qua­drat­me­ter, den ich neu bebaue, das gesam­te rie­si­ge Gebiet nach­hal­tig ver­schlech­tern? Eine exter­ne Prü­fung die­ses Falls lehn­ten wir ab. Schließ­lich erstel­len wir ja selbst Gut­ach­ten dar­über, wie Fir­men natur­schutz­ge­recht bau­en sol­len.

Mit den rich­ti­gen natur­schutz­fach­li­chen Maß­nah­men gelang es uns schließ­lich, den Bau natur­schutz­kon­form zu pla­nen und somit eine Geneh­mi­gung zu erwir­ken. Es konn­te end­lich los­ge­hen. Weni­ge Meter neben der alten Scheu­ne, die nun abge­ris­sen wer­den konn­te, gibt es ein Stor­chen­nest. Lei­der war es seit mehr als sechs Jah­ren nicht besetzt. Nun stand der Abriss an und was soll ich sagen, zwei Tage vor Beginn der Abriss­ar­bei­ten kam ein jun­ges Stor­chen­paar und fand es bei uns groß­ar­tig. Ich jubel­te, end­lich wie­der Stör­che auf dem Hof, aber Moment mal? Wir wol­len doch bau­en!

Nach dem ers­ten Schreck sprach ich uns selbst einen Bau­stopp aus - so, wie ich es jedem Auf­trag­ge­ber in so einer Situa­ti­on raten wür­de. Die Bau­maß­nah­me wird nun erst Ende 2018 begin­nen. Bis dahin erfreu­en wir uns auf dem Betriebs­ge­län­de täg­lich am Klap­pern der Stör­che. Wir sind mitt­ler­wei­le sech­zehn Kol­le­gen, dazu beschäf­ti­ge ich zwei Sai­son­kräf­te. Unter den fest­an­ge­stell­ten Mit­ar­bei­tern befin­den sich meh­re­re Frau­en mit ent­spann­ten Teil­zeit­mo­del­len, weil sie jun­ge Müt­ter sind.

Unse­re Beleg­schaft kommt mitt­ler­wei­le von recht weit her zu uns in die Lau­sitz: Eine pro­mo­vier­te Agrar­öko­lo­gin kommt aus Meck­len­burg-Vor­pom­mern, ein pro­mo­vier­ter Bio­lo­ge aus Ber­lin, ein ande­rer zog aus der Ober­lau­sitz hier in den Spree­wald, damit er bei uns arbei­ten kann. Wir haben also kein Nach­wuchs­pro­blem im aka­de­mi­schen Bereich, aber wir brau­chen auch moti­vier­te und qua­li­fi­zier­te Gärt­ner und Land­wir­te. Die­se zu fin­den, ist schwie­rig. Wir wür­den gern aus­bil­den, aber mei­ne Gar­ten­bau­meis­te­rin kann nur Gar­ten­bau­er aus­bil­den, kei­ne Gärt­ner. Trotz sol­cher Schwie­rig­kei­ten ist unse­re Arbeit sehr span­nend und schön.

Zur­zeit bau­en wir hun­dert­acht­zig ver­schie­de­ne Pflan­zen­ar­ten an. Im Auf­trag des Lan­des küm­mern wir uns außer­dem um eini­ge Erhal­tungs­kul­tu­ren von Arten, die vom Aus­ster­ben bedroht sind, wie zum Bei­spiel die Pfingst-Nel­ke, die Sibi­ri­sche Schwert­li­lie und das Gewöhn­li­che Kat­zen­pföt­chen. Von die­sen zumeist äußerst sel­te­nen Arten bau­en wir einen Ver­meh­rungs­be­stand auf, zie­hen aus den Samen Jung­pflan­zen und sie­deln die­se wie­der in der Natur an. Damit wer­den nor­ma­ler­wei­se nur bota­ni­sche Gär­ten betraut. Wir sind mei­nes Wis­sens die ein­zi­ge Fir­ma, die das machen darf - weil wir über das Know-how ver­fü­gen, um die­sen kom­pli­zier­ten Pro­zess zu bewerk­stel­li­gen.

Unse­re Her­kunfts­re­gi­on benö­tigt sechs- bis acht­hun­dert Hekt­ar Anbau­flä­che, um ab 2020 den gesam­ten Bedarf an hei­mi­schem Saat­gut zu decken. Dafür müss­ten wir unse­re Anbau­flä­che ver­hun­dert­fa­chen. Das kön­nen wir nicht rea­li­sie­ren, aber der­zeit geht es deutsch­land­weit allen Anbau­ern so. Hier ent­steht ein rie­si­ger Markt. Mitt­ler­wei­le nut­zen wir die von uns rena­tu­rier­ten Flä­chen wie­der als Mut­ter­flä­chen. Das heißt, wir mähen sie eben­falls und begrü­nen mit den Samen wei­te­re Flä­chen. Also sind die Töch­ter zu Müt­tern gewor­den, unse­re ers­ten Flä­chen mitt­ler­wei­le gar zu Uromas. Das ist der Zyklus des Lebens!

In der For­schung wer­den die Flä­chen als Spen­der- und Emp­fän­ger­flä­chen bezeich­net. Das fin­de ich furcht­bar. Ich nen­ne sie viel lie­ber Par­en­tal- und Fili­al­flä­chen: Par­en­tal steht für Eltern, fili­al für die Töch­ter. Wird die filia­le Flä­che erwach­sen, wird sie selbst eine Par­en­tal­flä­che und kann wie­der eige­ne Kin­der bekom­men. Das ist doch viel schö­ner. „Spen­der­flä­che” hört sich zu tech­nisch an. Außer­dem sug­ge­riert die­ser Begriff: Ich muss etwas weg­ge­ben, was mir dann fehlt.

Aber das stimmt nicht. Die Par­en­tal­flä­che schenkt Leben, ihr fehlt dadurch nichts! Um sie zu erneu­ern, damit sich also auf der Par­en­tal­flä­che Grä­ser und Blu­men ver­meh­ren kön­nen, fal­len genug Samen aus. Außer­dem trägt die regel­mä­ßi­ge Mahd der Par­en­tal­flä­chen zu ihrem Fort­be­stehen und in vie­len Fäl­len sogar zur Ver­bes­se­rung bei. Das wirk­lich Tol­le an die­ser Art der Begrü­nung ist daher, dass der Erhalt der weni­gen arten­rei­chen Flä­chen, die wir noch in unse­rer Land­schaft fin­den, mit der Schaf­fung neu­er Flä­chen ver­bun­den wird.

Zu tun gibt es für uns auf Jah­re genug. Inzwi­schen sind wir nicht nur in der Lau­sitz aktiv, son­dern auch in Bran­den­burg, Nord­sach­sen, Sach­sen-Anhalt bis hoch nach Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Weil auch Ber­lin zu unse­rer Her­kunfts­re­gi­on gehört, errei­chen uns immer öfter Anfra­gen aus der Haupt­stadt. Alle brau­chen unser Saat­gut, weil sie als­bald nichts ande­res mehr ver­wen­den dür­fen. In den Aus­schrei­bun­gen steht manch­mal sogar: Bezugs­quel­le Nago­la Re GmbH Jänsch­wal­de - bes­ser kann es nicht lau­fen.

Kurz und gut, wir müs­sen wei­ter wach­sen! Es ist span­nend und schön, das zu wis­sen. Und es macht rie­sen­gro­ßen Spaß, wenn wir auf eine der von uns rena­tu­rier­ten Flä­chen kom­men, und alles blüht dort bunt und viel­fäl­tig. Ins­be­son­de­re die Flä­chen des Berg­baus sind gelun­gen und erre­gen deutsch­land- und inzwi­schen euro­pa­weit Auf­merk­sam­keit.

Natür­lich geht das Alles nicht ohne Wider­spruch ab. Es beginnt schon bei mei­ner eige­nen Bio­gra­fie: In mei­ner jugend­li­chen Sturm- und Drang­zeit kämpf­te ich gegen die „Scheiß­koh­le”. Ich mach­te bei der Beset­zung eines Dor­fes mit, als fest­stand, dass es abge­bag­gert wer­den soll­te. Ich war ein­fach wütend, dass mir der Tage­bau damals die Hei­mat weg­ge­nom­men hat­te. Mit dem Erwach­sen­wer­den merk­te ich, dass ich den Abbau der Braun­koh­le nicht ver­hin­dern kann.

Alle Tage­baue, deren Aus­koh­lung geneh­migt wur­de, wer­den auch zu Ende geführt. Das ist beschlos­se­ne Sache. Durch mei­ne Arbeit auf den Rena­tu­rie­rungs­flä­chen bekam ich jedoch die Chan­ce, der Natur etwas wie­der­zu­ge­ben - auf eine beson­de­re Art und Wei­se. Und ich erle­be dabei vie­le schö­ne Geschich­ten. Ich habe also gemerkt, dass ich sehr viel errei­chen kann, wenn ich mich ein­brin­ge, anstatt immer nur dage­gen zu sein.

Ein­mal woll­ten die Ein­woh­ner einer Anlie­ger­ge­mein­de des Tage­baus die Rena­tu­rie­rungs­flä­chen nicht haben. Sie befürch­te­ten, dass die Land­schaft auf lan­ge Zeit kahl und öde blei­ben wür­de, und sag­ten: „Wir wol­len hier kei­ne Wüs­te!” Als ich die ers­ten Flä­chen begrünt hat­te, befand unser Auf­trag­ge­ber Vat­ten­fall: „Mit den Leu­ten machen wir mal eine Exkur­si­on hier­her, damit sie sehen, wie es jetzt aus­sieht.” Danach waren die Teil­neh­mer regel­recht ergrif­fen und sag­ten: „Das machen Sie so wun­der­bar! Und wenn Sie uns das Gan­ze erklä­ren, merkt man, wie viel Lie­be von Ihnen da drin­steckt.”

Einem alten Mann kamen gar die Trä­nen. Er drück­te mich und sag­te: „Ganz toll haben Sie das gemacht.” Auch regio­na­le Befind­lich­kei­ten kom­men dabei ins Spiel. In Tau­ben­dorf, einer Gemein­de direkt am Tage­bau Jänsch­wal­de, sind die Bewoh­ner sehr berg­bau­kri­tisch. Als ich ihnen die von uns rena­tu­rier­ten Flä­chen zeig­te, sag­te mir einer: „Das sieht super aus, aber euer gan­zes Mah­dgut kommt aus Schlacks­dorf. Die Schlacks­dor­fer und wir sind uns ja nicht immer grün! Noch dazu habt ihr uns mit dem Berg­bau unse­re Hei­de weg­ge­nom­men!” „Das stimmt nicht”, ant­wor­te­te ich dem Mann. „Kom­men Sie mal mit mir mit. Schau­en Sie da vorn, da wo es rosa blüht. Das ist eure Hei­de. Wir haben sie abge­tra­gen und hier wie­der hin­ge­bracht. Die ist nicht ver­lo­ren, son­dern lebt hier wei­ter - für euch.”

Auch die Schlacks­dor­fer waren kri­tisch, als ich sie frag­te, ob wir die Flä­chen auf ihrem Wein­berg abmä­hen dür­fen. Zunächst waren sie über­haupt nicht begeis­tert. Dann erklär­te ich ihnen das Pro­jekt und sie fan­den es gut - und woll­ten spä­ter natür­lich die Flä­chen sehen. Als ich mit eini­gen von ihnen davor­stand, erklä­re ich: „Guckt mal, das ist die Flä­che mit Samen von eurem Berg. Ihr erkennt doch die Pflan­zen wie­der, die­se vie­len tol­len, sel­te­nen Arten!”

Schließ­lich waren auch die Schlacks­dor­fer begeis­tert. Wenn sie nach­voll­zie­hen, wie wir die ehe­ma­li­gen Tage­bau­gru­ben wie­der zum Blü­hen brin­gen, ent­steht eine inni­ge Bezie­hung zwi­schen den Bewoh­nern und der Berg­bau-Fol­ge­land­schaft. Sie ist ihnen dann nicht mehr fremd. Unse­re Arbeit dient somit nicht nur der Natur, son­dern auch den Men­schen!

Die Arbeit unse­rer Nago­la Re GmbH besitzt noch wei­te­re Dimen­sio­nen: Es gab hier­zu­lan­de bis­her nie­man­den, der Wild­pflan­zen anbau­te. Zusam­men mit den Erhal­tungs­kul­tu­ren sind wir inzwi­schen bei über zwei­hun­dert Arten. Sie alle haben inter­es­san­te Inhalts­stof­fe. So kamen eini­ge Fir­men, die Tier­me­di­zin her­stel­len, auf uns zu: „Wenn eine Kuh krank ist und Anti­bio­ti­ka neh­men muss, kann der Bau­er sechs Wochen die Bio­milch nicht ver­kau­fen. Frü­her behan­del­te man die Tie­re mit Pflan­zen. Wol­len wir ein For­schungs­pro­jekt star­ten und raus­fin­den, wel­che eurer Pflan­zen uns da hel­fen kön­nen?” Die nächs­ten sag­ten: „Die Wild­pflan­zen haben so vie­le Inhalts­stof­fe. Wir könn­ten uns vor­stel­len, sie für die Ernäh­rung zu nut­zen.”

Die­se Anfra­gen eröff­nen uns wei­te­re Geschäfts­fel­der. Vie­les scheint der­zeit mög­lich. Wir müs­sen jedoch zunächst her­aus­fin­den, wo wir hin­wol­len. Manch­mal sagen wir aus Spaß: Das ist ja fast so wie die Erfin­dung des Inter­nets! Wir haben auf ein­mal Pro­duk­te, die es vor­her gar nicht gab.

Mitt­ler­wei­le kom­men gan­ze Heer­scha­ren von Tou­ris­ten zu uns auf den Hof. Bei uns blüht es blau, oran­ge, gelb, rosa, pink, das gefällt ihnen. Wenn wir hier in der Lau­sitz ein Anbau­zen­trum für Wild­pflan­zen errich­ten, die wir auch für die Ernäh­rung, Tier- und Human­me­di­zin oder die Kos­me­tik nut­zen, ent­ste­hen über­all in der Gegend wei­te­re bun­te Fel­der. Das kann wie­der­um dem Tou­ris­mus zugu­te­kom­men. Es erge­ben sich vie­le Syn­er­gie-Effek­te, das wol­len wir wei­ter aus­bau­en.

Wir arbei­ten auch mit Land­wirt­schafts­be­trie­ben zusam­men, wel­che uns ihre Tech­nik zur Ver­fü­gung stel­len. Die Ern­te bewäl­ti­gen wir dann gemein­sam. Die Jungs ver­trau­ten mir eines Tages an: „Als der Chef uns am Anfang sag­te: ‚Da kommt so’ne Bio­lo­gin und zeigt euch, was ihr da machen müsst’, haben wir gedacht: ‚Um Him­mels Wil­len, was wird da für Eine ankom­men?’” Mitt­ler­wei­le machen wir sehr viel gemein­sam. Der Chef ließ mich neu­lich wis­sen: „Frau Grätz, Sie haben mir mein Team ver­saut!” „Oh Gott, was habe ich denn gemacht?”

„Wenn wir jetzt irgend­wo was mähen müs­sen, ste­hen da über­all noch so unge­mäh­te Stü­cken, und wenn ich frag: ‚Was soll’n das?’, ant­wor­ten die mir glatt: ‚Da blüht doch die Gras­nel­ke! Die wird erst abge­mäht, wenn die Samen aus­ge­fal­len sind.’” Das Land Bran­den­burg ist ver­ant­wort­lich für den Erhalt die­ser Art. Die Gewöhn­li­che Gras­nel­ke steht unter Natur­schutz, und ich sage mir: Dass ich dafür gesorgt haben soll, dass die­se Men­schen, die zuvor noch nie etwas mit Natur­schutz zu tun hat­ten, die­se Pflan­zen erken­nen und ein Gefühl dafür haben, wie wert­voll sie sind, das ist fast zu schön, um wahr zu sein!