Philipp Fumfahr - Die Nachfolge meistern

Das Pro­jekt „Erfah­run­gen und Poten­zia­le an einen Tisch – Unter­neh­mer­ge­sprä­che im Lau­sitz Lab“ brach­te 2017/2018 Lau­sit­zer Unter­neh­mer in Erzähl­sa­lons zusam­men. Einer der Erzäh­ler war Phil­ipp Fum­fahr.  Lesen Sie hier sei­ne Geschich­te.

Zeit mei­nes Lebens bin ich Bäcker. Da sich die Back­stu­be mei­ner Eltern seit fünf Gene­ra­tio­nen im Fami­li­en­be­sitz befin­det, stand früh fest, dass auch ich Bäcker wer­de. Ich absol­vier­te mei­ne Aus­bil­dung in der Nähe von Ber­lin und schloss sogleich den Meis­ter­lehr­gang an.

»Muss es im Leben nicht mehr geben, als in der Back­stu­be zu ste­hen?«, frag­te ich mich und beschloss, Betriebs­wirt­schaft zu stu­die­ren. Mei­nen Betriebs­wirt in der Tasche, zog es mich jedoch zurück an den Back­ofen. Für kur­ze Zeit arbei­te­te ich als stell­ver­tre­ten­der Pro­duk­ti­ons­lei­ter einer Bäcke­rei bei Ber­lin. Wäh­rend­des­sen hielt ich Kon­takt zur Abtei­lungs­lei­te­rin mei­ner Cott­bu­ser Berufs­schu­le. Sie riet mir, Leh­rer zu wer­den.

So begann ich, in Dres­den Lehr­amt für Berufs­bil­den­de Schu­len im Fach Ernäh­rungs­wis­sen­schaft zu stu­die­ren. Wäh­rend des Stu­di­ums bekam ich Ange­bo­te von Unter­neh­men und Groß­händ­lern aus der Bäcker­bran­che. Die Ver­su­chung, ins Hand­werk zurück­zu­keh­ren, war zu reiz­voll. Also schmiss ich das Stu­di­um und nahm eine Stel­le als Ver­kaufs­lei­ter im Außen­han­del an. Dabei lern­te ich das Ehe­paar Wahn und deren gleich­na­mi­ge Bäcke­rei in Vet­schau ken­nen.

Dag­mar und Hans-Wer­ner Wahn such­ten einen Nach­fol­ger für ihr Geschäft. Ich soll­te ihnen dabei hel­fen. Jedoch fand sich kein Kan­di­dat, bei dem die Che­mie stimm­te. In der Weih­nachts­zeit 2014 saßen wir bei­sam­men. Wir kann­ten uns inzwi­schen ein drei­vier­tel Jahr. Frau Wahn schau­te mich an und frag­te zum ers­ten Mal: »Wie ist es eigent­lich mit Ihnen? Hät­ten Sie nicht Lust, unse­ren Betrieb zu über­neh­men?«

Ich erör­ter­te die Idee mit mei­ner Fami­lie. Mein Vater war kurz zuvor gestor­ben. Des­halb über­leg­te ich ohne­hin, in mei­ne Hei­mat zurück­zu­keh­ren. Das Ange­bot anzu­neh­men lag nahe.

Gemein­sam mit Fami­lie Wahn arbei­te­te ich fast ein gan­zes Jahr an einem detail­lier­ten Busi­ness­plan. Wir leg­ten ver­meint­lich alles offen, um für jeden das bes­te Ergeb­nis zu erzie­len. Des Pudels Kern liegt bei einer Unter­neh­mens­über­ga­be in den finan­zi­el­len Rege­lun­gen. Egal wie gut sich die bei­den Par­tei­en ver­ste­hen, wenn nicht jeder mit Gewinn aus den Ver­hand­lun­gen geht, wer­den sie kei­ne Über­ein­kunft erzie­len.

Uns fiel es leicht, den rich­ti­gen Schnitt zu fin­den. Schließ­lich hat­ten wir eine enge Bezie­hung zuein­an­der auf­ge­baut. Außer­dem war Herr Wahn sehr krank und die Not mitt­ler­wei­le groß, die Ver­ant­wor­tung für den Betrieb abzu­ge­ben.

Aller­dings blei­ben Dif­fe­ren­zen bei kei­ner Fir­men­über­nah­me aus. Dem Ehe­paar Wahn fiel es schwer los­zu­las­sen. Schließ­lich hat­ten sie das Unter­neh­men selbst auf­ge­baut und über vier­zig Jah­re erfolg­reich geführt. Nun kam ich und ver­folg­te mei­ne eige­nen Ide­en für die Back­stu­be. Ich woll­te mich in mei­nem Bäcke­rei­be­trieb selbst ver­wirk­li­chen und das Geschäft nach mei­ner eige­nen Phi­lo­so­phie lei­ten. Beim Ehe­paar Wahn mag dies den Anschein erweckt haben, dass ich ihr Lebens­werk nicht wür­dig­te. Heu­te den­ke ich, dass ich mit ihnen über mei­ne Plä­ne hät­te spre­chen müs­sen, dar­über, wel­che Ver­än­de­run­gen nötig waren, um den Betrieb zu mei­nem Betrieb­zu machen. Dann wären uns die Pro­ble­me in der Kom­mu­ni­ka­ti­on erspart geblie­ben.

Mei­ne Vor­gän­ger über­ga­ben mir das Unter­neh­men mit vier­zig Mit­ar­bei­tern. Die Ange­stell­ten wäh­rend des Über­nah­me­pro­zes­ses zu hal­ten, stell­te eine gro­ße Her­aus­for­de­rung dar. Eini­gen fiel es schwer, sich an ihren neu­en Chef zu gewöh­nen. Zudem stürm­ten in der Anfangs­zeit vie­le Ein­flüs­se auf mich ein. Ich woll­te es allen recht machen. Die Mit­ar­bei­ter erwar­te­ten, dass ich – wie das Ehe­paar Wahn – end­lo­se Stun­den in der Back­stu­be stand. Dabei ver­ga­ßen sie, dass ihre alten Chefs zu zweit gewe­sen waren. Sie hat­ten sich die Stun­den unter­ein­an­der auf­ge­teilt. Die­ses Arbeits­pen­sum konn­te ich allein nicht schaf­fen. Außer­dem muss­te ich an mei­ne Fami­lie den­ken, die die wich­tigs­te Rol­le in mei­nem Leben ein­nimmt. Von lang­jäh­ri­gen Mit­ar­bei­tern der Wahns hör­te ich immer wie­der den Spruch: »Frü­her war es hier ganz anders.« Das tat mir weh. Aber wir arran­gier­ten uns. Eini­ge Kol­le­gen ori­en­tier­ten sich beruf­lich neu, ande­re gin­gen in Ren­te. Das gehört zur Nach­fol­ge dazu.

Inzwi­schen kann ich sagen: Wir haben es geschafft. Wir bau­ten zusätz­li­che Läden in Lüb­ben­au und Cott­bus auf und erwei­ter­ten die Back­stu­be in Vet­schau. Mei­ne Mit­ar­bei­ter in der Pro­duk­ti­on sowie in den Ver­kaufs­stel­len zie­hen mit mir an einem Strang. Anfang des Jah­res 2016begannen wir, das Fein­kost­ge­schäft Hei­mat und Herz in Cott­bus täg­lich mit fri­schem Teig zu belie­fern. Wir berei­ten die Tei­ge in unse­rer Back­stu­be in Vet­schau zu, las­sen sie hier beson­ders lan­ge rei­fen und ver­ar­bei­ten sie schließ­lich vor den Augen der Kun­den zu Brot und Bröt­chen. Mit der »glä­ser­nen Bäcke­rei« möch­te ich den Men­schen die von uns geleb­te Lie­be zum Hand­werk näher­brin­gen.

Als Nach­fol­ger in der Back­stu­be Bäcker Wahn bin ich heu­te in der Lage, mich selbst und mei­ne eige­nen Ide­en in mei­ner Arbeit zu ver­wirk­li­chen. Wir tra­gen unse­re Phi­lo­so­phie in die Regi­on und set­zen unse­re Ide­en in span­nen­den Pro­jek­ten um. Die Kun­den dan­ken es uns.