Überraschende Begegnung im Erzählsalon Sedlitz

Sedlitzer Erzählsalon mit dem Demokratischen Frauenbund und Flüchtlingen im Colorado (18.11.2015) - 1Über­ra­schend beehr­ten den vier­ten Erzähl­sa­lon, der letz­te Woche in Sed­litz statt­fand, zehn älte­re Damen des Demo­kra­ti­schen Frau­en­bun­des. Die Che­fin war vom Orts­vor­ste­her ein­ge­la­den wor­den; da beschloss der Club gemein­sam in die Gast­stu­be „Colo­ra­do“ zum Erzähl­sa­lon zu kom­men. Die Idee des Pro­jek­tes Lau­sitz an einen Tisch“, das an 5 ver­schie­de­nen Orten in der Lau­sitz statt­fin­det, Men­schen ein­zu­la­den, die Geschich­ten, die sie erlebt haben, zu erzäh­len und gemein­sam zu hören und so die Poten­tia­le zu ent­de­cken, die im Dorf schlum­mern. Außer­dem kamen sechs Stamm-Erzäh­ler aus dem Dorf ins „Colo­ra­do“, das uns mit Schnit­zel und Brat­kar­tof­feln vor­züg­lich bewir­te­te.

Zu unse­rer gro­ßen Über­ra­schung und noch grö­ße­ren Freu­de spa­zier­ten sechs jun­ge Män­ner aus dem benach­bar­ten Über­gangs­wohn­heim her­ein. Die Lei­te­rin, Frau Bar­to­wi­ak hat­te sich offen für das Pro­jekt gezeigt: „Wir freu­en uns, wenn es Pro­jek­te gibt, die die Flücht­lin­ge mit ein­bin­den. Die meis­ten wün­schen sich Kon­takt zu den Ein­hei­mi­schen. Das War­ten frisst die Leu­te ja auf.“ Das Pro­jekt­team hat­te das Heim mit gro­ßem Inter­es­se besich­tigt.

Sedlitzer Erzählsalon mit dem Demokratischen Frauenbund und Flüchtlingen im Colorado (18.11.2015) - 2So setz­ten sich an die­sem Abend ins­ge­samt 25 Gäs­te an den Sed­litz-Tisch. Das The­ma „Frei­zeit in Sed­litz“ stand auf dem Plan. Was ist „Frei­zeit“? – frag­te zunächst Herr Kai­ser. Es ist die Zeit jen­seits der Arbeits­zeit, ohne Ver­pflich­tun­gen. Die hat für Rent­ne­rin­nen und Rent­ner eine ande­re Bedeu­tung als für Berufs­tä­ti­ge. Vie­le Sed­lit­zer erzähl­ten über Frei­zeit­er­leb­nis­se in der Gemein­schaft: der Gemein­schaft der Fami­lie – ein­mal im Jahr nach Ham­burg -, der Freun­de und in den viel­fäl­ti­gen Ver­ei­nen. Sie erzähl­ten, wie wich­tig die Fes­te sind, ob Kar­ne­val oder Weih­nachts­markt. Am schöns­ten sind Fes­te, wenn klei­ne Kin­der dabei sind. Die sind jedoch rar in Sed­litz, denn die nach­fol­gen­de Genera­ti­on mit ihren Kin­dern ist aus­ge­wan­dert. Die Omas leben ohne Enkel.

Sedlitzer Erzählsalon mit dem Demokratischen Frauenbund und Flüchtlingen im Colorado (18.11.2015) - 3Vie­len Frau­en ist wich­tig, dass sie sich aus­tau­schen kön­nen. Dafür bie­tet der DFB in Sed­litz einen schö­nen Rah­men – je nach Bedürf­nis kann man zum Kaf­fee­trin­ken kom­men, eine Frau bäckt lecke­ren Kuchen; schnat­tert in gemüt­li­cher Run­de bei der Hand­ar­beit; spielt seit zwan­zig Jah­ren gemein­sam Bil­lard.

Eine Geschich­te aus Sed­litz ist untrenn­bar ver­bun­den mit dem Flücht­lings­wohn­heim: die Geschich­te der Fuß­ball­mann­schaft in der Kreis­klas­se, die ohne die Flücht­lin­ge nicht nur nicht so erfolg­reich sein wür­de, son­dern viel­leicht gar nicht mehr exis­tier­te. Es sind sogar erfolg­rei­che Fuß­ball­kar­rie­ren vom FC Sed­litz aus gestar­tet wor­den. Eine Frau vom DFB schlug vor, dass die jun­gen Män­ner erzäh­len, wie sie ihre Frei­zeit in ihrer Hei­mat ver­brach­ten.

Sedlitzer Erzählsalon mit dem Demokratischen Frauenbund und Flüchtlingen im Colorado (18.11.2015) - 4Ein jun­ger Syri­er, der in sei­nem Hei­mat­land schon zwei Jah­re Medi­zin stu­dier­te, erzähl­te von sei­ner Pas­si­on Sprung­rei­ten. Er trat bei Tur­nie­ren in der ara­bi­schen Welt an. Obwohl er sich das ers­te Mal, als er auf einem Pferd saß, bei dem Ver­such, über ein Hin­der­nis zu sprin­gen, sei­ne Hand gebro­chen hat­te – denn das Pferd hielt es nicht für not­wen­dig, das Hin­der­nis zu pas­sie­ren und über­ließ ihm die­se Auf­ga­be allein.

Ein ande­rer jun­ger Mann hat­te zwei Jah­re Jura in Syri­en stu­diert. Er erzähl­te mit sei­nen weni­gen Wor­ten Deutsch, dass er als Mau­rer gear­bei­tet hat­te. Viel­leicht meint er, dass die Fami­li­en in die­sem Kul­tur­raum mit­ein­an­der ihre Häu­ser bau­en – alle männ­li­chen Fami­li­en­mit­glie­der hel­fen ein­an­der, erst der Cou­sin beim Vet­ter, der Sohn dem Vater, der Onkel neben Nef­fen?

Die Schil­de­run­gen haben uns berührt und führ­ten zu einer ers­ten Annä­he­rung zwi­schen den Dorf­be­woh­nern und den Flücht­lin­gen. Wir haben den Abend genos­sen und bedan­ken uns auch herz­lich bei Frau Bart­ko­wi­ak vom Über­gangs­wohn­heim, den ehe­ma­li­gen Orts­vor­ste­her Wolf­gang Kai­ser und den heu­ti­gen Ort­vor­ste­her Stef­fen Phil­lip.


Alles über das Lau­sitz-Pro­jekt fin­den Sie auf der Web­site www.lausitz-an-einen-tisch.de.