Umgang mit Demenz - Der Vergangenheit einen Raum geben

Erinnern ist das täglich Brot des Alters

Das gilt auch bei an Demenz Erkrank­ten, weiß Kat­rin Rohn­stock aus Erfah­rung. Nun schult sie bun­des­weit Senio­ren­heim-Mit­ar­bei­ter dar­in, das bio­gra­fi­sche Gedächt­nis alter Men­schen zu trai­nie­ren - mit Erzähl­sa­lons.

Men­schen, die an Demenz erkrankt sind, bekom­men schnell einen Stem­pel auf­ge­drückt: Ihr Leben ist geprägt von Sinn­ver­lust und inne­rer Lee­re – glau­ben vie­le Gesun­de. Dies mag für das Kurz­zeit­ge­dächt­nis der Betrof­fe­nen zutref­fen, Erin­ne­run­gen an Kin­der- und Jugend­ta­ge sind bei ihnen jedoch umso mehr prä­sent. Vie­le Demen­te leben im fort­ge­schrit­te­nen Sta­di­um der Krank­heit fast aus­schließ­lich in der Ver­gan­gen­heit. In ihr füh­len sie sich gebor­gen.

Das bio­gra­fi­sche statt das Kurz­zeit­ge­dächt­nis die­ser Men­schen zu trai­nie­ren, ist daher ein Haupt­an­lie­gen der Erin­ne­rungs-Spe­zia­lis­tin Kat­rin Rohn­stock. Die Autorin auto­bio­gra­fi­scher Bücher bil­det bun­des­weit Mit­ar­bei­ter von Senio­ren­wohn- und Pfle­ge­ein­rich­tun­gen wei­ter. In dem Kurs „Mode­ra­ti­on eines Erzähl­sa­lons“ ler­nen die Teil­neh­mer die Pra­xis eines Ver­an­stal­tungs­for­mats ken­nen, das dem Bedürf­nis alter Men­schen Raum gibt, aus ihren Erin­ne­run­gen zu erzäh­len. Die Semi­na­re besu­chen vor allem Pfle­ge­kräf­te, die Demenz­kran­ke betreu­en.

Die Scheu vor negativen Emotionen

Seit Kat­rin Rohn­stock das Ver­an­stal­tungs­for­mat „Erzähl­sa­lon“ ent­wi­ckel­te, mode­rier­te sie ihn unzäh­li­ge Male in ihrem Fir­men­sitz in Prenz­lau­er Berg und an vie­len ande­ren Orten in Ber­lin und Deutsch­land, auch in Senio­ren­do­mi­zi­len. Bei den Ver­an­stal­tun­gen bemerk­te Kat­rin Rohn­stock, wie Demen­te auf die Mög­lich­keit des Erin­nerns reagie­ren: „Man­che hat­ten jah­re­lang nicht gespro­chen, doch plötz­lich spru­del­ten – ange­regt durch die Erzäh­lun­gen der ande­ren – die Erin­ne­run­gen nur so aus ihnen her­aus.“ Die Erin­ne­rungs­spe­zia­lis­tin erfuhr bei den Ver­an­stal­tun­gen aber auch, dass vie­le Senio­ren­be­treu­er Angst vor den Erin­ne­run­gen alter Men­schen haben: „Sie sagen, dass sie sie nicht dazu ani­mie­ren möch­ten, schmerz­vol­le Erfah­run­gen an die Ober­flä­che zu holen. Es sol­len nur hel­le und fröh­li­che The­men behan­delt wer­den.“

Der Grund für die weit ver­brei­te­te Scheu der Senio­ren­be­treu­er vor den Erin­ne­run­gen alter Men­schen liegt für Kat­rin Rohn­stock auf der Hand: „Sie haben Angst vor ihren eige­nen Emo­tio­nen, wenn den Men­schen die Trä­nen kom­men.“ Dabei sei­en der­ar­ti­ge Gefühls­äu­ße­run­gen für die Betrof­fe­nen enorm wich­tig, um belas­ten­de Erin­ne­run­gen end­lich ver­ar­bei­ten zu kön­nen, sagt sie. „Außer­dem ist es gut, wenn die Leu­te wei­nen. Wer weint, kann auch lachen. Wenn den Alten die Emo­tio­nen ver­bo­ten wer­den, ver­fal­len sie in Lethar­gie und däm­mern vor sich hin – oder sie wer­den aggres­siv.“

Kat­rin Rohn­stock hat Hun­der­te hoch­alt­ri­ger Men­schen dabei erlebt, wie sie aus ihren Lebens­er­in­ne­run­gen erzäh­len: 1998 grün­de­te sie das Ber­li­ner Unter­neh­men Rohn­stock Bio­gra­fi­en, das die­se Erzäh­lun­gen in Bücher bringt. Par­al­lel zu die­ser Arbeit ent­wi­ckel­te sie das Ver­an­stal­tungs­for­mat „Erzähl­sa­lon“. Dort­hin kom­men Men­schen, die Geschich­ten aus ihrem Leben erzäh­len oder sich beim Zuhö­ren das Erin­ne­rungs­ver­mö­gen anre­gen las­sen möch­ten. Ein Erzähl­sa­lon bedarf einer spe­zi­el­len Mode­ra­to­rin: der Salon­niè­re. Sie weiß, wie sie zwi­schen Men­schen ver­schie­de­ner Her­kunft und Befind­lich­keit ver­mit­telt, wie sie sie zum Geschich­ten­er­zäh­len ani­miert. Nach­dem Rohn­stock Bio­gra­fi­en bereits Mit­ar­bei­ter von Mehr­ge­nera­ti­ons­häu­sern geschult hat, gibt es sei­ne Erfah­run­gen nun auch an Betreu­er und Pfle­ger von Senio­ren­wohn- und Pfle­ge­ein­rich­tun­gen wei­ter: Als bun­des­weit ers­ter Betrei­ber bie­tet ein deut­sches Unter­neh­men für alle sei­ne Ein­rich­tun­gen eine Salon­niè­ren-Aus­bil­dung an. Der ers­te Kurs fand im Febru­ar 2011 in einem Ber­li­ner Senio­ren­do­mi­zil statt.