Vom Kulturhaus in den Kuhstall: »Mein schönster Frauentag« in Mestlin

Am 17. März lud der Mestliner Kulturverein 12 Frauen aus Mestlin zum Erzählsalon ein. Die meisten der Erzählerinnen waren in den 1950er Jahren als junge Frauen nach Mestlin gekommen. In dem mecklenburgischen Dorf sind sie zusammen alt geworden. Die Erzählungen der Frauen über ihre Zeit im Dorf waren grandios, berichtet die Salonnière Katrin Rohnstock.

Die Salonnière Katrin Rohnstock (2.v.l.) begrüßt die Erzählerinnen im ehemaligen Dorfkonsum von Mestlin.

Der Anfang des Erzählsalons verlief etwas schleppend, denn das Veranstaltungsformat »Erzählsalon« war den Frauen neu. Entgegen der Regeln des Erzählsalons redeten die Frauen zuerst miteinander und durcheinander. Das Thema »Frauentag« rief bei Ihnen so viele Erinnerungen wach, dass sie diese sofort einander mitteilen wollten. Doch nach einer Einführung in den Erzählsalon durch die Salonnière Katrin Rohnstock erzählten die Frauen phänomenale Geschichten.

Verwöhnung zum Frauentag

Die Frauen lieben den Frauentag! Bis heute ist er für sie wichtig – als eine Insel, die sie nur für sich haben. Der Frauentag ist ein Ritual, das sich tief in ihren Jahresrhythmus eingeprägt hat.

Zu DDR-Zeiten hatten sie es genossen, wenn der Chef sie verwöhnte. Er gratulierte jeder Frau mit dem Spruch: „Herzlichen Glückwunsch zum Frauentag!“ Jede Frau bekam dabei eine Nelke oder ein Sträußchen Freesien. Letztere waren ausgesprochene Mangelware zu DDR-Zeiten. Auch Auszeichnungen wie „Aktivist der sozialistischen Arbeit“ wurden verliehen, für besondere Verdienste und manchmal sogar nur, weil eine Frau lange keine Anerkennung bekommen hatte.

Auf das gemeinsame Kaffeetrinken am Nachmittag freuten sich immer alle. Es gab ein Gläschen Wein, manchmal wurden es auch zwei oder drei. Schnäpsle wurden meist erst am Abend ausgeschenkt. Die Frauen waren in diesen Momenten ausgelassen. Sie genossen es, miteinander schwatzen zu können, als Ausgleich zur Arbeit, die in die zweite Schicht ging, wenn die Frauen nach Hause kamen: Haushalt, Wäsche, Garten, Kinder – um alles hatten sich die Frauen zu kümmern.

Vom Kulturhaus in den Kuhstall

Den Frauentag erlebten sie immer nach einem festen Ablauf: Nach dem ausgiebigen Kaffeetrinken ging es schnell nach Hause zum Umziehen. Meistens war ein neues Kleid genäht oder gekauft worden. Dann begab man sich ins Kulturhaus, wo am Abend die Gemeinde alle Frauen aus den Betrieben zum Tanz einlud. Eine Kapelle spielte auf.

Die Männer wurden nicht eingeladen und trotzdem war der Saal immer voll: 150 bis 300 Frauen fanden darin Platz. Der Bürgermeister hielt eine Rede auf die Frauen, es gab etwas Leckeres zu essen und dann wurde getanzt! Die Frauen tanzten miteinander. Jede Frau konnte dabei auch führen, das war selbstverständlich. Dazu brauchten sie keinen extra Tanzkurs. Die Frauen hatten Spaß miteinander und freuten sich, so richtig ausgelassen zu sein, ohne die Männer an ihrer Seite, die oft sagten: „Benimm dich!“

Wer morgens um fünf die Tiere der LPG füttern musste, der hatte seine Stiefel schon ins Kulturhaus mitgebracht und eilte dann von der Tanzfläche in den Kuhstall…
„Das war schön“, bekundeten die Erzählerinnen immer wieder. „Och, war das schön!“

Auch im Alter selbstbestimmt

Eine andere herrliche Frauengeschichte handelte vom Mestliner Altersheim. Der Hauptsitz des Altersheims befand sich in Mestlin, eine Außenstelle in Ruest.

In Ruest befand sich ein sehr großer Garten mit Obstbäumen und Grabefläche. Dort wurde Gemüse und Kartoffeln angebaut – für die eigene Versorgung. Den Garten bewirtschafteten die Pflegekräfte, aber die Alten halfen eifrig mit. Sie hackten den Boden, ernteten Gemüse und Obst und unterstützten die Köche. Die alten Frauen kochten auch Äpfel, Birnen und Tomaten für den Winter ein und hängten die Wäsche auf. Die Männer hingegen zersägten das Holz von gefällten Bäumen aus dem Obstgarten. Alle waren fleißig und halfen, wo sie konnten.

Dadurch entlasteten sie nicht nur das Pflegepersonal. Indem die alten Menschen in die Arbeiten mit einbezogen wurden, waren sie stetig aktiv und so bis zu ihrem Lebensende mobil.

Von den Essensresten fütterten die alten Frauen ein Schwein, in manchen Jahren auch zwei oder drei. Wenn die Schweine groß und dick waren, wurden sie an den Schlachthof verkauft. Mit dem Geld machte das gesamte Pflegekollektiv für eine Woche eine Reise. Ob nach Bulgarien oder in die Sowjetunion: immer mit dem Flugzeug, das war nobel.

Zu DDR-Zeiten gingen die Menschen früher ins Altersheim, denn es war keine Frage des Geldes. Es kostete nur so viel wie die Höhe der Rente. Dort zu wohnen konnte sich jeder leisten.

Dass alte Menschen in ein Altersheim auf dem Dorf ziehen, wo sie weiterhin Tiere füttern, kochen, backen und gärtnerisch tätig sein können, wird in der Schweiz bis heute als große Erfindung gefeiert. Im mecklenburgischen Mestlin war es schon immer eine Selbstverständlichkeit.


Der Verein Denkmal Kultur Mestlin e.V. setzt sich für den Erhalt des ehemaligen sozialistischen Musterdorfs Mestlin in Mecklenburg-Vorpommern ein. Der Verein engagiert sich für eine Sanierung des Gebäudeensembles rund um das Mestliner Kulturhaus und erstellt dazu begleitend ein Nutzungskonzept. Um das Kulturhaus neu zu aktivieren, organisiert der Verein regelmäßig vielseitige Veranstaltungen, u.a. den Erzählsalon von Rohnstock Biografien.
Die nächsten Veranstaltungen in Mestlin finden Sie auf der Webseite des Vereins Denkmal Kultur Mestlin e.V.