Von Missgeschicken und Unglücken: Der Erzählsalon zum 1. April

Am 1. April öff­ne­ten wir unse­re Türen und luden zum Erzähl­sa­lon »Wie ich in eine Fal­le tapp­te und wie­der her­aus­kam« ein. Pas­send zum Datum erzähl­ten die Gäs­te von Miss­ge­schi­cken und Unglü­cken aller Art, denen sie mit viel Glück oder mit beharr­li­cher Arbeit wie­der ent­ka­men. Man­che Geschich­ten klan­gen hei­ter, erzähl­ten aber von erns­ten und schwie­ri­gen Umstän­den, die für die Erzäh­le­rin­nen und Erzäh­ler alles ande­re als ein­fach zu lösen waren.

Der Krieg damals und heute

Erzäh­ler aus Ber­lin und Bran­den­burg fan­den sich zum 1. April im Rohn­stock Salon ein

Der ältes­te Teil­neh­mer, ein ehe­ma­li­ger Diplo­mat der DDR, mach­te den Anfang. Er erleb­te den Zwei­ten Welt­krieg noch als jun­ger Erwach­se­ner und muss­te mit sech­zehn zu einem Aus­wahl­lehr­gang für haupt­amt­li­che HJ-Füh­rer nach Tha­le. Dort tapp­te er in eine Fal­le, als er gemein­sam mit drei ande­ren Män­nern sei­ne Abnei­gung gegen den Kriegs­ein­satz offen aus­sprach.

Der Bann­füh­rer setz­te ihm in sei­ner Wut beim Boxen die stärks­ten Schwer­ge­wich­te vor, ließ ihn einen Schlit­ten wie­der und wie­der den Berg hoch­zie­hen und die gan­ze Nacht in der Käl­te Wache hal­ten.
Den Fän­gen des tat­säch­li­chen Kriegs­ein­sat­zes ent­wisch­te der Erzäh­ler aller­dings dadurch, dass er sich zum Reser­ve­of­fi­zier aus­bil­den ließ. Statt an der Front zu kämp­fen, spreng­te er mit sei­nen Kame­ra­den Brü­cken.

Einem Krieg ent­kam nicht nur der Ältes­te, son­dern auch der Jüngs­te in der Erzähl­run­de: Ein geflüch­te­ter Syrer aus Homs, der vor zwei Jah­ren mit sei­ner Fami­lie nach Deutsch­land kam. Seit Kriegs­be­ginn 2011 ver­lor sei­ne Fami­lie vie­le Bekann­te und Freun­de. Armut und Tod hat­ten sein Land fest im Griff. Irgend­wann konn­te der Mann nicht mehr zur Arbeit gehen, weil die Poli­zei zur Ver­hin­de­rung von Pro­tes­ten die gesam­te Innen­stadt absper­ren ließ.

„Wer Nein zur Regie­rung sagt“, berich­te­te der jun­ge Mann, „hat zwei Optio­nen: ster­ben oder flie­hen“. Mit sei­nen Kin­dern und sei­ner Frau setz­te er sich zunächst in den Liba­non ab. Weil sein Vater dabei half, sperr­te man ihn ins Gefäng­nis.

Heu­te ist die Fami­lie in Deutsch­land ange­kom­men. Der Erzäh­ler hat ein B2-Deutsch-Zer­zi­fi­kat und einen Job: er ver­mit­telt Woh­nun­gen an ande­re Geflüch­te­te. Zudem ist eine Stel­le bei einem Ener­gie­kon­zern in Aus­sicht, bei dem er viel­leicht bald wie­der als Inge­nieur arbei­ten kann. Doch die Schre­cken des Krie­ges las­sen nie­man­den so ein­fach los. Sei­ne sechs­jäh­ri­ge Toch­ter lebt in stän­di­ger Angst vor der Poli­zei, weil sie die­se nur mit den erleb­ten Mor­den in Syri­en ver­bin­det.

Ärger auf der Arbeit

Den zwei­ten Schwer­punkt des Nach­mit­tags bil­de­ten Geschich­ten aus dem Arbeits­le­ben, in dem sich vie­le schwar­ze Scha­fe ver­steckt hal­ten.

Aber auch in fried­li­che­ren Zei­ten wer­den Men­schen über den Tisch gezo­gen.
Ein Elek­tro­in­stal­la­teur aus dem Osten, Jahr­gang 1965, schlug sich nach der Wen­de als Ver­käu­fer durch. Er erzähl­te von ver­schie­de­nen Job­fal­len, in die er zum Glück nicht tapp­te.

Ver­kau­fen soll­te er aller­hand Ramsch: Von defek­ten Dia­pro­jek­to­ren über zum zwölf­fa­chen Preis ange­bo­te­nes Bril­len­putz­mit­tel bis zu völ­lig wir­kungs­lo­sen Spi­ru­li­na-Algen war alles dabei. Vor allem das unter­neh­me­ri­sche Risi­ko schreck­te ihn ab, aber er hat­te auch mora­li­sche Ein­wän­de: „Du bist dann ja immer der Dum­me, der die ande­ren über den Tisch gezo­gen hat.“

Eine in Ber­lin leben­de Pro­jekt­ko­or­di­na­to­rin erzähl­te von ihrer Job­su­che. Sie war auf eine Stel­len­aus­schrei­bung für die Lei­tung eines klei­nen Kul­tur­hau­ses in Bran­den­burg gesto­ßen. Alles klang per­fekt, vor allem die fle­xi­blen Arbeits­zei­ten, sodass hof­fent­lich genug Zeit für ihre Kin­der blieb.

Sie bekam den Job. Die „fle­xi­blen Arbeits­zei­ten“ ent­pupp­ten sich aller­dings als strik­ter Dienst­plan, der einen Monat im vor­aus fest­zu­le­gen war. Nie­mand ließ mit sich reden, alles lief strikt büro­kra­tisch ab. Nach vier Tagen war die Erzäh­le­rin wort­wört­lich sprach­los: Sie hat­te die Stim­me ver­lo­ren.
Als sie die Stel­le schließ­lich kün­dig­te, war das Dra­ma nicht zu Ende. Wenig spä­ter erschien in der Lokal­zei­tung ein Arti­kel über sie, in dem sie auf schlimms­te Wei­se ver­leum­det wur­de. Als sie beim Chef­re­dak­teur anrief, bekam die­ser es mit der Angst zu tun und lösch­te den Arti­kel – zumin­dest aus der Online-Aus­ga­be.

Niedergänge und Neuanfänge

Durch Ver­lust­ängs­te im Job kön­ne man leich­ter in Fal­len tap­pen, schluss­fol­ger­te eine Erzäh­le­rin.

Vor einem ande­ren fau­len Job­an­ge­bot konn­te sich die nächs­te Erzäh­le­rin bewah­ren: Die Mit­ar­bei­te­rin einer insol­vent gegan­ge­nen Mes­se­bau­fir­ma geriet an einen merk­wür­dig wir­ken­den Insol­venz­ver­wal­ter. Der fuhr in Por­sche und Kro­ko­dil­le­der­schu­hen vor und ver­un­treu­te Mit­ar­bei­ter­da­ten. Trotz­dem fin­gen eini­ge ihrer Kol­le­gen an, für sei­ne Über­gangs­fir­ma zu arbei­ten.

Die Erzäh­le­rin dage­gen ließ sich von einem Anwalt bera­ten, ging zum Arbeits­amt und half sich selbst wie­der auf die Bei­ne. Zwei­ein­halb Jah­re spä­ter kam, was kom­men muss­te: Der angeb­li­che Insol­venz­ver­wal­ter war nach Süd­ame­ri­ka durch­ge­brannt.

Er hat­te erst mög­lichst vie­le Mit­ar­bei­ter ange­wor­ben, nur um dann die staat­li­chen Zuschüs­se vom Arbeits­amt abzu­zwei­gen. Die Kol­le­gen, die auf die üble Masche her­ein­ge­fal­len waren, beka­men kaum Fort­bil­dun­gen und taten sich schwer, sich wie­der in den Arbeits­markt zu inte­grie­ren. Sie sit­zen teil­wei­se noch immer in der Arbeits­lo­sig­keit fest.

Die letz­te Erzäh­le­rin berich­te­te eben­falls vom Nie­der­gang einer Fir­ma. Mit ihrem Mann ver­trieb sie ab 1983 im Gru­ne­wald Kopier­ge­rä­te. Haupt­kun­de war die bri­ti­sche Armee. Als die Alli­ier­ten abzo­gen, war spä­tes­tens 1998 klar, dass die Fir­ma nicht über­le­ben wür­de. Die War­tungs­ver­trä­ge für die Kopie­rer soll­ten dar­um an eine Part­ner­fir­ma in Mün­chen ver­kauft wer­den. Da das Ehe­paar Freun­de in Mün­chen hat­te, wur­de die­sen die Ver­hand­lun­gen über­las­sen. Das war ein Feh­ler: Die Freun­de betro­gen die Part­ner­fir­ma, das Ehe­paar ver­schul­de­te sich stark. Nur mit sehr viel Arbeit schaff­ten die bei­den es, eine neue Fir­ma auf­zu­bau­en.

Trotz vie­ler schwie­ri­ger Her­aus­for­de­run­gen und Trau­ma­ta, die das Leben für die Men­schen bereit hal­ten kann, wur­de im Erzähl­sa­lon auch viel gelacht. Ins­ge­samt zeig­te die­ser Salon, wie erstaun­lich aus­dau­ernd und wider­stands­fä­hig Men­schen ihren Pro­ble­men begeg­nen kön­nen.