Zweiter Erzählsalon zum Treuhandschicksal des Möbelwerks Eisenberg: Zeitzeugen gesucht!

Am 26. Oktober 2021, um 18 Uhr laden wir ehemalige Möbelwerker und Interessierte in die Stadthalle Eisenberg – Ziel der Veranstaltung, die wir bereits zum zweiten Mal mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen zu diesem Thema organisieren: Zeitzeugen einen Raum geben, sich gemeinschaftlich zu erinnern, um die vielen kleinen Geschichten des Eisenberger Möbelwerks und seines Schicksals zusammenzutragen.

Im ver­gan­ge­nen Som­mer war der Zuspruch groß, als im Hof hin­ter der Stadt­bi­blio­thek Eisen­berg ehe­ma­li­ge Möbel­wer­ker und Inter­es­sier­te zusam­men­ka­men, um in einem Erzähl­sa­lon die Treu­hand­ge­schich­te des Möbel­werks Eisen­berg in Erin­ne­rung zu rufen – die 50 bereit­ge­stell­ten Stüh­le hat­ten nicht aus­ge­reicht. Damals gab Zeit­zeu­ge Roland Steu­del Ein­bli­cke in sei­ne Erfah­run­gen. Der 71-Jäh­ri­ge war einst Mit­ar­bei­ter beim Betriebs­lei­ter, nach 1990 Per­so­nal­chef und von 1995 bis 2005 Geschäfts­füh­rer im bereits geschrumpf­ten Betrieb. Nach sei­nen Aus­füh­run­gen betei­lig­ten sich auch Zuhö­ren­de mit eige­nen Bei­trä­gen. Am 26. Okto­ber, um 18 Uhr folgt die zwei­te Ver­an­stal­tung die­ser Art, die­ses Mal in der Eisen­ber­ger Stadt­hal­le. Es wer­den noch Zeit­zeu­gen gesucht! Wer sei­ne Erin­ne­run­gen an den Betrieb und sei­ne Geschich­te über das Ende sei­ner Arbeit dort erzäh­len möch­te, kann sich vor­ab anmel­den bei Kat­rin Rohn­stock, die den Abend mode­riert (unter ihrer Jena­er Büro-Num­mer: 03641 6330 400).

Das Treu­hand­schick­sal des Möbel­werks Eisen­berg, mit der Pia­no­fa­brik Eisen­berg Stamm­be­trieb eines der sechs DDR-Möbel­kom­bi­na­te, fand im öffent­li­chen Bewusst­sein lan­ge Zeit kaum statt. Und das, obwohl die Eisen­ber­ger Möbel­wer­ker bis heu­te emo­tio­nal mit ihrem eins­ti­gen Betrieb ver­bun­den sind. Der bot nicht nur Arbeits­platz, son­dern er war auch sozia­le und kul­tu­rel­le Heim­statt für die Beleg­schaft mit Kin­der­krip­pe und Kin­der­gar­ten, dua­ler Aus­bil­dung, Kegel­bahn mit Betriebs­gast­stät­te, Betriebs­bi­blio­thek, Schwimm­hal­le, Betriebs­ärz­ten, Kauf­hal­le, Betriebs­fe­ri­en­la­ger und Urlaubs­bun­ga­lows. Im Sep­tem­ber 1993 war das Nach­fol­ge­un­ter­neh­men als Eisen­ber­ger Wohn­mö­bel GmbH unter Treu­hand-Füh­rung an den Start gegan­gen. Der gesam­te nicht­wirt­schaft­li­che Kul­tur- und Sozi­al­be­reich, die »zwei­te Lohn­tü­te der Werk­tä­ti­gen in der DDR«, die mit dem Unter­neh­mens­ge­gen­stand nichts zu tun hat­te, war bereits abge­sto­ßen oder geschlos­sen worden.

Media­les Inter­es­se am Schick­sal der Eisen­ber­ger Möbel-Tra­di­ti­on: Die OTZ kün­dig­te den ers­ten Erzähl­sa­lon im Juni die­ses Jah­res groß an und berich­te­te anschlie­ßend. Auch Hen­ry Bern­hard, Thü­rin­gen-Kor­re­spon­dent vom Deutsch­land­funk, war gekom­men, um O-Töne ein­zu­sam­meln (Bild­aus­schnitt: OTZ, 15.6.2021)

Initia­to­ren der Eisen­ber­ger Erzähl­sa­lon-Rei­he ist die Rosa-Luxem­burg-Stif­tung in Koope­ra­ti­on mit Rohn­stock Bio­gra­fien. Salon­niè­re Kat­rin Rohn­stock, die die Ver­an­stal­tung von ihrem Jena­er Büro­sitz aus kon­zi­piert, über das Ziel: »Wir möch­ten Zeit­zeu­gen einen Raum geben, sich gemein­schaft­lich zu erin­nern, um die vie­len klei­nen Geschich­ten des Möbel­werks und sei­nes Schick­sals zusam­men­zu­tra­gen. Sie machen unterm Strich die gro­ße Geschich­te aus. Wie ver­än­der­te sich die Arbeit an den ein­zel­nen Pro­duk­ti­ons­stät­ten? Wel­che Pro­ble­me gab es, wie wur­den sie gelöst? Wie wur­den die Möbel ent­wor­fen, wie in die Pro­duk­ti­on über­führt? Was gab es für Kon­flik­te? Wie arbei­te­ten die ein­zel­nen Abtei­lun­gen zusam­men? Wie wur­de zusam­men gefeiert?«

In und um Eisen­berg gab es zu DDR-Zei­ten vie­le klei­ne pri­va­te Unter­neh­men, die Möbel her­stell­ten. Die Betrie­be wur­den Ende der 1960er-Jah­re ver­staat­licht und zusam­men­ge­führt. Aus dem neu gegrün­de­ten Möbel­kom­bi­nat gin­gen täg­lich zwei Wag­gons Möbel in die Sowjet­uni­on. Schrank­wän­de waren hoch­be­gehrt: in der Sowjet­uni­on war­te­ten Abneh­mer mit­un­ter zehn Jah­re auf eine Schrank­wand aus Eisen­berg. 2000 Möbel­wer­ker gab es hier 1989 noch. Mit der Wen­de kam der wirt­schaft­li­che Umbruch und damit der Nie­der­gang gan­zer Indus­trien – was auch das Ende des Eisen­ber­ger Möbel-Erfolgs besie­gel­te. DDR-weit soll­te die Treu­hand­an­stalt inner­halb kür­zes­ter Zeit 8.500 volks­ei­ge­ne Betrie­be mit 4,1 Mil­lio­nen Werk­tä­ti­gen »markt­taug­lich« machen. Sie wur­den pri­va­ti­siert oder liqui­diert, Mil­lio­nen Men­schen arbeits­los – mit spür­ba­ren Aus­wir­kun­gen bis heute.