UNSER AUTOBIOGRAFIKER
Sebastian Blottner

Lust an zwischenmenschlichem Austausch

Ich wurde 1976 im Ost-Berliner Bezirk Prenzlauer Berg geboren und wuchs dort auf. Den Fall der Mauer und die historische Wende in Deutschland und Europa erlebte ich als frühzeitig politisierter Teenager. Ich nutzte die neue Freiheit für Weltenbummlertum und Entdeckungsreisen.

 

Meine Eltern waren Biologen, und ich verdanke ihnen ein von klein auf interessiertes Verhältnis zu den Naturwissenschaften. Stärker jedoch zog es mich zu schöngeistigen Dingen hin. Ich spielte erfolgreich Klavier und tourte später mit einer Band durch Deutschland, ich las außerordentlich gern und liebte Geschichten von früher – ob nun von den Maya und Pharaonen oder von Oma und Opa. Meine Studienwahl kam wenig überraschend: Ich schrieb mich für Musikwissenschaft (Schwerpunkt Popmusik) und Geschichte ein.

 

Als Kulturjournalist das Schreiben verfeinert

 

Erst nach meinem Abschluss an der Humboldt-Universität zu Berlin beschloss ich, Langzeitstudent zu werden, indem ich einen Master in Kulturjournalismus aufsattelte. Ich wollte selbst schreiben, und der Kulturjournalismus bot mir eine wunderbare Möglichkeit, stilistische Versiertheit zu perfektionieren, strukturiertes Denken zu pflegen und meiner Neugier auf vielfältige Themen nachzugehen.

 

Mein journalistisches Gesellenstück wurde eine umfangreiche Reportage über die junge Kulturszene Moskaus. Ich liebte meine Arbeit von Anfang an, auch wenn sie oft vor einem Bildschirm stattfindet. Meine kommunikative Ader und die Lust an zwischenmenschlichem Austausch begann ich zusätzlich in einem Zweitjob als Stadtführer auszuleben. Auf individuell zugeschnittenen Touren zeige und erkläre ich Familien oder Freundeskreisen meine Heimatstadt Berlin und ihre Geschichte. Ich genieße den Umstand, dabei selbst hinzuzulernen. Was ich von Plantagenbesitzern aus Venezuela, Großfamilien aus Taiwan, US-amerikanischen Unternehmern oder selbst den Nachkommen hochrangiger Nationalsozialisten in Kanada erfahre, bereichert mein Weltbild kontinuierlich.

 

Die großen Zusammenhänge werden auf individueller Ebene anschaulich

 

Dabei wird mir stets aufs Neue bewusst: In jeder einzelnen Lebensgeschichte scheint Zeithistorie auf. Die großen Zusammenhänge werden auf individueller Ebene anschaulich, sie bekommen Gesichter und Namen. Plötzlich wird greifbar, was vorher abstrakt hinter Jahreszahlen und in Statistiken steckte. Für mich ist das eine der schönsten Arten von buchstäblicher Geschichtsschreibung. Was also läge näher, als Autobiografiker zu werden? Ich bin froh, diesen Schritt getan zu haben, und freue mich auf jedes neue Buch des Lebens, das ich schreiben kann.

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