Junge Geflüchtete und Senioren zusammen im Erzählsalon

Auch in Pots­dam fan­den Erzähl­sa­lons mit Geflüch­te­ten und Senio­ren statt, die Soci­al Visi­ons zum Erzäh­len ein­ge­la­den hat­te. Hier am 24. Febru­ar im Treff­punkt Frei­zeit.

Am 13. Sep­tem­ber 2017 fand im Café Tas­ca in Neu­rup­pin ein Erzähl­sa­lon zum The­ma »Wie ich einen lan­gen Weg ging« statt. Ein­ge­la­den waren Senio­ren und Ansäs­si­ge aus Neu­rup­pin sowie jugend­li­che Geflüch­te­te aus Tsche­tsche­ni­en und Afgha­ni­stan. Den Erzähl­sa­lon ver­an­stal­te­te Rohn­stock Bio­gra­fi­en in Zusam­men­ar­beit mit dem Ver­ein Soci­al­Vi­si­ons e.V., deren Foto­pro­jekt „On the Move“ von eben die­sem Erzähl­sa­lon beglei­tet wur­de.

Ein Gast­bei­trag unse­rer Prak­ti­kan­tin Sina Andre­as

Meine erste Erfahrung mit einem Erzählsalon

An die­sem Nach­mit­tag erleb­te ich mei­nen ers­ten Erzähl­sa­lon. Für mich war das tat­säch­lich – obwohl die Metho­de eines Erzähl­sa­lons sehr sim­pel ist – eine neue Erfah­rung. Grund­sätz­lich gibt es nur eine Regel: Nie­mand wird beim Erzäh­len unter­bro­chen. So wird ver­mie­den, dass wäh­rend des Erzähl­sa­lons Dis­kus­sio­nen ent­ste­hen, eine Geschich­te bewer­tet oder mit einer ande­ren ver­gli­chen wird. Der Rest ist frei: Die Wahl der eige­nen Geschich­te (solang sie zum The­ma passt), die Rei­hen­fol­ge der Teil­neh­men­den und über­haupt die Ent­schei­dung, zu erzäh­len.

Ich schrieb wäh­rend der Ver­an­stal­tung das Pro­to­koll, wäh­rend Nepo­muk Rohn­stock als Salon­nier durch den Erzähl­sa­lon führ­te. Im Erzähl­sa­lon hör­te ich sowohl Flucht- als auch Rei­se- und All­tags­ge­schich­ten. Alle waren sehr unter­schied­lich in der Län­ge, Dra­ma­tur­gie und natür­lich dem Inhalt. Trotz­dem waren alle sehr inter­es­sant und es war span­nend zuzu­hö­ren und die wich­tigs­ten Punk­te mit­zu­schrei­ben. Dabei gibt es eigent­lich gar kein wich­tig oder weni­ger wich­tig inner­halb einer Geschich­te, da jeder Aspekt des „lan­gen Weges“ der Men­schen sie letzt­end­lich zu die­ser Ver­an­stal­tung in Neu­rup­pin gebracht hat. Die Geschich­te als gesam­tes Kon­strukt ist ent­schei­dend und ein­zig­ar­tig. Sich des­sen bewusst zu sein, macht einen Erzähl­sa­lon noch span­nen­der.

Unterschiedliche Geschichten, die sich dennoch gleichen

Zwei der Geschich­ten sind mir beson­ders im Gedächt­nis geblie­ben. Ein Gast aus Neu­rup­pin erzähl­te von einer Rei­se in das Hima­la­ya-Gebir­ge, die nur drei Mona­te nach einer belas­ten­den Band­schei­ben­ope­ra­ti­on erfolg­te. Die Stra­pa­zen, Anstren­gun­gen und den Weg, den er gegan­gen ist, fin­de ich erstaun­lich und bemer­kens­wert. Er beton­te dabei außer­dem, dass man sich durch das Rei­sen selbst neu ken­nen­ler­nen kann, da man sei­ne Gren­zen und Mög­lich­kei­ten neu set­zen kann. Für ihn war der „lan­ge Weg“ also ver­bun­den mit einer Rei­se, die ihm wert­vol­le neue Erfah­run­gen gebracht hat, die er aber auf­grund sei­ner Ope­ra­ti­on bei­na­he nicht gemacht hät­te.

Die zwei­te Geschich­te, die bei mich beson­ders beein­druckt hat, war die Flucht­ge­schich­te eines jugend­li­chen Afgha­nen aus Kun­dus (Stadt im Nor­den von Afgha­ni­stan) nach Deutsch­land. Sei­ne Rei­se über den Iran, die Tür­kei, Grie­chen­land und von dort nach Neu­rup­pin dau­er­te meh­re­re Mona­te. An der Gren­ze von Paki­stan in den Iran wur­de er von sei­ner Fami­lie getrennt. Seit über einem Jahr (so lang ist er bereits in Deutsch­land) weiß er nichts über den Ver­bleib sei­ner Ver­wand­ten.

Wie die­se bei­den Bei­spie­le zei­gen, sind die Geschich­ten voll­kom­men unter­schied­lich, aber den­noch gleich­wer­tig dar­in, dass bei­de einen lan­gen Weg hin­ter sich haben. Der Erzähl­sa­lon bie­tet genau dafür Raum und Zeit, sei­ne Geschich­te zu erzäh­len, Erleb­tes zu ver­ar­bei­ten oder wie­der auf­le­ben zu las­sen. Für Zuhö­re­rIn­nen bie­tet der Erzähl­sa­lon eine gespann­te Atmo­sphä­re und inter­es­san­te neue Ein­bli­cke. Für mich war der Erzähl­sa­lon auch genau das, eine Viel­zahl an neu­en Ein­drü­cken.


Der Ver­ein Soci­al­Vi­si­ons e.V.
Kul­tu­rel­le Viel­falt und Teil­nah­me am öffent­li­chen Leben für alle Bevöl­ke­rungs­grup­pen zu för­dern, das ist die Auf­ga­be, die sich Soci­al­Vi­si­ons e.V. gestellt hat. Teil­ha­be­ori­en­tier­te kul­tu­rel­le Bil­dung för­dert der Ver­ein mit Medi­en­pro­jek­ten auf inter­na­tio­na­ler wie regio­na­ler Ebe­ne. Als unab­hän­gi­ger und gemein­nüt­zi­ger Ver­ein unter­stützt er Bio­gra­fie­ar­beit, Dia­log und Begeg­nung.
Erfah­ren Sie mehr über den Ver­ein und sei­ne Pro­jek­te unter 2016.socialvisions.net.

Der Erzähl­sa­lon
Erzäh­len gehört zu den ältes­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men, in denen Wis­sen und Erfah­run­gen wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Damit erzählt wird, braucht es Raum, Gele­gen­heit und Ritua­le. Der Erzähl­sa­lon bie­tet genau dies. Rohn­stock Bio­gra­fi­en führt seit 2012 Erzähl­sa­lons an unter­schied­li­chen Orten, zu unter­schied­li­chen The­men und in unter­schied­li­chen Zusam­men­hän­gen durch, zuletzt in der Lau­sitz: Über ein Jahr brach­ten wir dort Men­schen aus fünf Lau­sit­zer Orten an einen Tisch. Mehr dazu unter: www.lausitz-an-einen-tisch.de.