Karl Nendel – ein Leben für die Mikroelektronik
Ein Nachruf von Katrin Rohnstock
Er war vermutlich einer der mutigsten und unerschrockensten Industriemanager der DDR: Karl Nendel. Ohne seine Durchsetzungskraft, sein strategisches Denken wäre das Prestigeprojekt von Erich Honecker und Günter Mittag nicht umgesetzt und der Ein-Megabit-Chip nicht gebaut worden. Nendel, der ehemalige Chefenergetiker der DDR-Braunkohleindustrie, stellvertretende Minister für Elektrotechnik und Elektronik und Regierungsbeauftragte für die Mikroelektronik, verstarb am 5. Februar nach langer schwerer Krankheit im Alter von 85 Jahren in Frankfurt (Oder).

Karl Nendel hat uns die letzten Jahre begleitet – und wir ihn: während der Arbeit an seiner Autobiografie »Karl Nendel – General der Mikroelektronik« von 2015 bis 2017 und bei den zahlreichen Erzählsalons im Anschluss. Eine Lesereise führte uns an die Orte der Mikroelektronik, nach Dresden, Erfurt, Frankfurt, Hermsdorf, Berlin und Jena. Und jedes Mal kamen zahlreiche Weggefährten, mal fünfzig, mal zweihundert, die ihre Anerkennung für seine Leistungen zum Ausdruck brachten, aber auch erzählten, wie unerbittlich er sein konnte. Allein aus diesen Erzählungen könnte ein weiteres Buch entstehen.
Nie ein Satz zu viel
Ich habe viel von Karl Nendel gelernt, zum Beispiel wie man Widersprüche ungeschminkt auf den Punkt bringt. Seine Direktheit hat mich fasziniert. Nie sagte er einen Satz zu viel. Nach dem Prozess, der ihm nach der Wende wegen angeblicher Verstöße gegen das Embargo gemacht wurde, nach all den Diffamierungen, die er wie viele DDR-Wirtschaftskapitäne über sich ergehen lassen musste, war es mutig, seine Lebensgeschichte zu Papier zu bringen.
Nachdem ich die ersten Interviews mit ihm geführt hatte, übernahm Ralf Pasch die Arbeit als sein Autobiografiker. Der Tod von Karl Nendels Frau und ein Schlaganfall 2016 waren Schicksalsschläge, die die Weiterarbeit an seinem Buch unmöglich machten. Zwischendurch glaubte er nicht mehr daran, dass es noch vor seinem Tod fertig werden würde. Doch mit meinem Optimismus und meiner Beharrlichkeit konnte ich ihn zur Weiterarbeit animieren.
Ein letzter »Staatsempfang«
Im Mai 2017 feierten wir im Berliner Café Sybille die Buchpremiere. Seine Mitstreiter kamen zahlreich, mit ihren Reden bereiteten sie ihm fast einen Staatsempfang. Der Zusammenhalt war noch immer spürbar und Karl Nendel war sichtlich beeindruckt, wie viele Menschen ihm ihre Ehrerbietung erwiesen. Das hatte er nicht für möglich gehalten.
Dass der Großmeister der DDR-Mikroelektronik im letzten Sommer zum »Industriesalon Oberschöneweide« noch einmal auf das Podium kam, war ein Highlight. Hundert Spezialisten der Mikroelektronik waren anwesend. Da hatte er wieder die Aura eines Wirtschaftsführers, dem man folgte, dem man folgen wollte. Auch dort: Jeder Satz war brillant, auf den Punkt gebracht, wie in Ewigkeit gemeißelt. Doch beim Abschied, im Rollstuhl sitzend, warnte er mich: Das sei definitiv sein letzter Auftritt gewesen.
Leider sollte er recht behalten.
Wir werden sein Andenken lebendig halten.

