Lothar Parnitzke – »Vom Buttergeschäft zur Kunella-Feinkost-GmbH«

Das Pro­jekt „Erfah­run­gen und Poten­zia­le an einen Tisch – Unter­neh­mer­ge­sprä­che im Lau­sitz Lab“ brach­te 2017/2018 Lau­sit­zer Unter­neh­mer in Erzähl­sa­lons zusam­men. Einer der Erzäh­ler war Lothar Par­nitz­ke.  Lesen Sie hier sei­ne Geschich­te.

Lothar Par­nitz­ke beim Unter­neh­mer­ge­spräch im Lau­sitz Lab

Noch nicht ganz 125 Jah­re

Die­se Cott­bu­ser Fir­men­ge­schich­te beginnt 1894 mit einem But­ter­ge­schäft in der San­do­wer Stra­ße 54. Lud­wig Kun­ert und sei­ne Frau Anna leg­ten hier den Grund­stein für das heu­ti­ge Unter­neh­men Kunel­la Fein­kost GmbH. In Schle­si­en, West­preu­ßen, Sach­sen und Bran­den­burg eröff­ne­ten sie wei­te­re Geschäf­te. Die eige­nen Läden boten aus­schließ­lich Kunel­la-Pro­duk­te an unter dem Slo­gan: „Fra­gen könnt ihr, wen ihr wollt, das Bes­te ist Kunel­la Gold“.

Das Unter­neh­men über­leb­te das Kai­ser­reich, die Wei­ma­rer Repu­blik, den Natio­nal­so­zia­lis­mus und die Deut­sche Demo­kra­ti­sche Repu­blik. Zunächst fir­mier­te es als Gebr. Kun­ert, nach der Ver­staat­li­chung 1972 hieß es VEB Fein­kost Cott­busund war ein Betrieb des VEB Kom­bi­nat Öl und Mar­ga­ri­ne.

In mei­nen Schul­fe­ri­en arbei­te­te ich erst­mals im Juni 1963 in dem noch pri­va­ten Unter­neh­men Gebr. Kun­ert. Nach vier­zehn Tagen wur­de ich von den kin­der­lo­sen Unter­neh­mern gefragt, ob ich nicht blei­ben wol­le, um das Unter­neh­men spä­ter wei­ter­zu­füh­ren. In mei­nem jugend­li­chen Leicht­sinn hat­te ich die Visi­on, im wei­ßen Kit­tel über den Hof zu gehen. „Das kann ich schaf­fen“, sag­te ich mir. Es folg­te die Leh­re als Indus­trie­kauf­mann mit einer Son­der­ge­neh­mi­gung, da die­ser Beruf in der DDR Mäd­chen vor­be­hal­ten war.

Nach acht­zehn Mona­ten Armee­zeit stu­dier­te ich Öko­no­mie und Tech­no­lo­gie. Die Lei­tung des Unter­neh­mens über­nahm ich schließ­lich im Janu­ar 1974 als Betriebs­di­rek­tor. Als Par­tei­lo­ser unter­schrieb ich, dass ich in kei­ne Block­par­tei gehe.

Der volks­ei­ge­ne Betrieb pro­du­zier­te Har­zer Käse, Mayon­nai­se, aber auch Fleisch­sa­lat und ein Ölsor­ti­ment, dar­un­ter das Lein­öl, auch „Gold der Lau­sitz“ genannt. Durch einen Brand – aus­ge­löst von Kin­der­hand – wur­de eine klei­ne Lager­hal­le kom­plett zer­stört. Das war die „Initi­al­zün­dung“ für eine grund­le­gen­de Moder­ni­sie­rung des Betrie­bes. Mit Mit­ar­bei­tern und Freun­den bau­ten wir eine Lager­hal­le, die dop­pelt so groß war wie die abge­brann­te – nach Fei­er­abend und an den Wochen­en­den.

Dann wur­de der Hof kana­li­siert und beto­niert, für die Ölab­fül­lung wur­de eine frei­tra­gen­de Hal­le gebaut – acht­zehn mal acht­zehn Meter breit und 6,50 Meter hoch. Mit neu­er Tech­nik konn­ten der Pro­duk­ti­ons­aus­stoß ver­dop­pelt und drei­ßig Pro­zent der Arbeits­kräf­te ein­ge­spart wer­den.

Danach ent­stand aus einer „Bret­ter­bu­de“ ein Pro­duk­ti­ons­raum für die Mayon­nai­se. Kana­li­siert, gefliest, mit moder­ner Tech­nik aus­ge­rüs­tet konn­te die Pro­duk­ti­on erfolg­reich wei­ter­ge­führt wer­den. Ohne es zu ahnen, berei­te­te ich damit bereits seit 1974 die Wen­de vor.

 

Pri­va­ti­sie­rung in nur sechs Wochen

Die Pri­va­ti­sie­rung erfolg­te über Manage­ment-Buy-out bei der Treu­hand in Cott­bus. Vom ers­ten Ter­min im Febru­ar 1991 bis zur Pri­va­ti­sie­rung ver­gin­gen sechs Wochen.

Unter glück­li­chen Umstän­den lern­te ich in der Wen­de­pha­se einen Geschäfts­mann aus­den alten Bun­des­län­dern ken­nen. In einem sechs­stün­di­gen Gespräch konn­te ich ihm erläu­tern, wie wir das Unter­neh­men­un­ter der Fir­mie­rung Kunel­la Fein­kost fort­füh­ren könn­ten. Wir ahn­ten nicht, was es bedeu­tet, sich in der Markt­wirt­schaft zu eta­blie­ren und zube­haup­ten. Was wir bei­de zudem nicht wuss­ten: Kunel­la war weder als Mar­ken­na­me aus dem Osten noch­als West­mar­ke bekannt.

Der Geschäfts­mann aus den alten Bun­des­län­dern hol­te sich Freun­de und Rat­ge­ber ins Boot: einen Tech­ni­ker, einen Mar­ke­ting­ex­per­ten, einen Ver­si­che­rungs­mak­ler. Mit der Ein­füh­rung der Markt­wirt­schaft besa­ßen wir neue und moder­ne Tech­nik für die Pro­duk­ti­on, eine neue und attrak­ti­ve Aus­stat­tung unse­rer Pro­duk­te in neu­en Fla­schen und Glä­sern sowie neue Eti­ket­ten. Wir konn­ten dem Han­del neue markt­fä­hi­ge Pro­duk­te prä­sen­tie­ren.

Einig waren wir uns alle, dass wir etwas für die Beleg­schaft tun muss­ten, um sie zu hal­ten. So wur­de bereits zu Beginn der neu­en Zeit­rech­nung – als in den neu­en Bun­des­län­dern eine hohe Arbeits­lo­sig­keit herrsch­te – bei Kunel­la für alle Arbeit­neh­mer eine direk­te Alters­ver­sor­gung abge­schlos­sen.

Was die Wen­de für das jun­ge Fein­kost­un­ter­neh­men aus der Lau­sitz bedeu­te­te, wur­de jetzt deut­lich. Wir stan­den vor Pro­ble­men, die wir vor­her so nicht kann­ten. Kunel­la stieg in einen gesät­tig­ten Markt ein und muss­te sich dem Wett­be­werb (dem Kon­kur­renz­kampf) unter markt­wirt­schaft­li­chen Bedin­gun­gen stel­len.

In den moder­nen Anla­gen gab es anfangs für die vier­zig Mit­ar­bei­ter wenig zu tun. Oft wur­de an nur einem Tag in der Woche gear­bei­tet. Eini­ge Jah­re gin­gen ins Land bis die Anla­gen wie­der täg­lich lie­fen. Es galt, den Han­del zu über­zeu­gen, dass Kunel­la-Pro­duk­te gern vom Kun­den gekauft wur­den, dass Kunel­la ein leis­tungs­fä­hi­ges und zuver­läs­si­ges Unter­neh­men war, mit dem sei­ne Part­ner lan­ge zusam­men­ar­bei­ten konn­ten. Das Zusam­men­wir­ken mit dem Han­del kam gut vor­an – bei allen Schwie­rig­kei­ten, ins­be­son­de­re da unse­rer­seits anfangs Erfah­run­gen und Bezie­hun­gen fehl­ten.

Eine wei­te­re, nicht uner­heb­li­che Hür­de, stell­ten die viel geprie­se­nen För­der­mit­tel dar. Wir kamen nicht in den Genuss die­ser Mit­tel und finan­zier­ten alles allein, mit Geld, das wir nicht hat­ten. Unse­re Geschäfts­part­ner aus den alten Bun­des­län­dern brach­ten dafür Ver­ständ­nis auf und hal­fen uns, die schwie­ri­gen Zei­ten zu über­ste­hen. Kei­ner von ihnen besaß je Antei­le am Unter­neh­men.

 

Umsatz­ent­wick­lung, Kon­tak­te, Stär­kung des Unter­neh­mens

Grund­sätz­lich hat­ten wir gute Mit­ar­bei­ter, die wir alle nach der Wen­de über­nah­men. Mit vie­len von ihnen arbei­te­te ich seit mehr als zwan­zig Jah­ren zusam­men. In der Ver­wal­tung beschäf­ti­ge ich heu­te als ver­ant­wort­li­cher Lei­ter die drit­te Gene­ra­ti­on. Immer an mei­ner Sei­te und inzwi­schen 46 Jah­re im Unter­neh­men ist Ursu­la Mer­kel. Sie prä­sen­tier­te Kunel­la nach außen. Wenn sie gefragt wur­de, erzähl­te sie gern, was der geschäfts­füh­ren­de Gesell­schaf­ter für ein Mensch ist.

Sie besuch­te mit mir vie­le Mes­sen, opfer­te Sams­ta­ge und Sonn­ta­ge für die Fir­ma. Dar­un­ter waren gro­ße Mes­sen, wie die Inter­na­tio­na­le Grü­ne Woche in Ber­lin und die ANUGA in Köln. Ursu­la Mer­kel lei­te­te das Unter­neh­men, wenn ich allein unter­wegs war. Das kam oft vor, denn nach der Wen­de ver­fuhr ich allein 1,45 Mil­lio­nen Kilo­me­ter im Auto: Bei einer Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit von 100 Kilo­me­tern pro Stun­de und einer Arbeits­zeit von 175 Stun­den pro Monat saß ich 6,9 Jah­re im Auto.

Aus­lands­mes­sen wur­den in den ers­ten Jah­ren über den Ver­band der pro agro orga­ni­siert. Kunel­la Fein­kost wur­de geför­dert und auch beglei­tet. So ent­stan­den ers­te Kon­tak­te und Expor­te. Expor­tie­ren war die eine Sei­te. Die Vor­aus­set­zun­gen dafür zu schaf­fen, die not­wen­di­gen Papie­re zu orga­ni­sie­ren, Über­set­zun­gen, Zoll­for­ma­li­tä­ten oder Ursprungs­zeug­nis­se ver­lang­ten uns bei Kunel­la alles ab. Nichts davon kann­ten wir aus frü­he­ren Zei­ten.

Da uns kei­ner kann­te, waren wir auf uns allein gestellt. Wir expor­tier­ten nach Litau­en und Russ­land. Für die Ent­wick­lung des Unter­neh­mens war es ein gro­ßer Schritt. Bis zu sieb­zehn Con­tai­ner Kunel­la-Pro­duk­te konn­ten wir pro Woche nach Mos­kau und St. Peters­burg oder nach Litau­en ver­la­den. Das Geschäft lief bis zur Finanz­kri­se in Russ­land. 1998 brach es von einem Tag auf den ande­ren ein.

Es galt also, einen Aus­gleich zu fin­den. Mit den Han­dels­ket­ten konn­te Kunel­la den Umsatz stei­gern. Für eine Aus­las­tung und die inzwi­schen per­sön­li­chen Ansprü­che war dies aber zu wenig. Wir betei­lig­ten uns an Aus­lands­mes­sen welt­weit, gin­gen nach Ame­ri­ka, Asi­en, Afri­ka und in die Län­der der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on. Ohne wei­te­re För­de­run­gen und Beglei­tung durch die Poli­tik.

Ursu­la Mer­kel und ich besuch­ten vie­le Mes­sen gemein­sam, dar­un­ter so exo­ti­sche Orte wie Viet­nam und Chi­na. Nach Bra­si­li­en oder Mexi­ko beglei­te­te mich mei­ne Kol­le­gin Dia­na Bothe, wäh­rend ich allein nach Kasach­stan, Aser­bai­dschan oder Sibi­ri­en fuhr. Auch wenn die meis­ten Men­schen bei die­sen Län­dern an Urlaub den­ken, merk­ten wir nichts davon. Nach einem lan­gen Tag auf der Mes­se, fuh­ren wir erschöpft ins Hotel zurück. Oft ging es direkt nach einem Zwölf-Stun­den-Flug zur Arbeit, anschlie­ßend flo­gen wir zwölf Stun­den lang zurück, um dann an einem Mee­ting teil­zu­neh­men.

Die Aus­lands­mes­sen präg­ten uns. Dabei kamen wir mit den gro­ßen Unter­neh­men aus den alten Bun­des­län­dern zusam­men. Wir lern­ten viel im Umgang mit den Außen­dienst­mit­ar­bei­tern und konn­ten uns pro­fi­lie­ren, wir lern­ten, wie Mes­se­stän­de im Aus­land auf­ge­baut wer­den müs­sen und wie die Waren­we­ge aus­sa­hen, wie man die Pro­duk­te aus dem Zoll bekam. Noch wich­ti­ger war es jedoch, Kon­tak­te auf­zu­bau­en und das Unter­neh­men bekannt zu machen.

2018 erhielt Frau Mer­kel einen Anruf aus Asi­en. Der Anru­fer wun­der­te sich, dass sie noch immer im Unter­neh­men war. Der Kon­takt ent­stand im Jahr 2005. Im Ergeb­nis wur­de ein Auf­trag aus­ge­löst.

 

Posi­ti­ve Erleb­nis­se, die das Unter­neh­men prä­gen

Kunel­la Fein­kost ist, wie sein Vor­gän­ger der VEB Fein­kost, bekannt für sein sozia­les Enga­ge­ment. Unse­re Arbeit­neh­mer kom­men über­wie­gend zu Fuß, mit dem Fahr­rad oder der Stra­ßen­bahn zur Arbeit. Vie­le haben kei­nen Füh­rer­schein, geschwei­ge ein Auto. Sehr viel Kraft wen­den wir für die Inte­gra­ti­on und die Betreu­ung von aus­län­di­schen Arbeit­neh­mern auf. Sie fügen sich in das Unter­neh­men ein und kom­men mit den Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen gut zurecht.

Die posi­ti­ve Aus­strah­lung unse­res Unter­neh­mens ist in der Cott­bu­ser Öffent­lich­keit jedoch wenig bekannt. Vie­le Bür­ger aus den alten Bun­des­län­der schrei­ben uns, dass Kunel­lasie an ihre Kind­heit in Schle­si­en erin­nert. Sie freu­en sich, dass sie Kunel­laheu­te wie­der im Han­del fin­den. Mit­ar­bei­ter, die in der Ver­wal­tung gear­bei­tet hat­ten und aus der DDR geflo­hen waren, schi­cken uns Bil­der und erzäh­len uns aus der Ver­gan­gen­heit.

Ein Uren­kel schick­te uns Bil­der des heu­ti­gen Grund­stücks, bevor die Gebrü­der Kun­ert es 1919 kauf­ten. Dort befand sich damals noch eine Käse­rei.

Es kamen Kin­der, um uns den letz­ten Wunsch der ver­stor­be­nen Mut­ter mit­zu­tei­len. Sie hat­te zu DDR-Zei­ten bei uns gear­bei­tet und wünsch­te sich zu Leb­zei­ten, dass der Geschäfts­füh­rer zu ihrer Beer­di­gung käme. Dies tat ich gern.

Ande­re Enkel­kin­der kamen, um ihren Groß­el­tern einen gro­ßen Wunsch zur Gol­de­nen Hoch­zeit zu erfül­len. Die bei­den hat­ten sich bei Gebr. Kun­ert ken­nen­ge­lernt: Er brach­te als Kraft­fah­rer die Ware in die Geschäf­te, sie arbei­te­te im Betrieb. Die Fei­er­lich­kei­ten zu ihrem fünf­zigs­ten Hoch­zeits­tag woll­ten sie am Ort ihres Ken­nen­ler­nens begin­nen. Wir begrüß­ten das gol­de­ne Paar mit einem Blu­men­strauß, einem Früh­stück mit der Beleg­schaft und einer Betriebs­be­sich­ti­gung. Sie zeig­ten sich begeis­tert, wie sich Kunel­la Fein­kost ent­wi­ckelt hat­te.

Wir freu­ten uns auch über die Erzäh­lun­gen einer Rent­ne­rin, die bei den Gebrü­dern Kun­ert gelernt hat­te und sich an die Zeit der Kunel­la-Geschäf­te in Schle­si­en erin­ner­te. Kunel­la war sei­ner­zeit Wett­be­wer­ber von Kaiser‘s (spä­ter Kaiser’s Ten­gel­mann). Am Mor­gen wur­de geschaut, wie­viel Mar­ga­ri­ne­punk­te es bei Kaiser‘s gab. Die glei­che Punkt­zahl gab es dann auch in den Kunel­la-Geschäf­ten.

Kaiser’s gibt es heu­te nicht mehr. Kunel­la dage­gen besteht wei­ter erfolg­reich am Markt.