»Mein letzter Arbeitstag. Abgewickelt nach 89/90: Ostdeutsche Lebensläufe«

Mein letzter Arbeitstag. Abgewickelt nach 89/90: Ostdeutsche Lebensläufe

Kat­rin Rohn­stock (Hrsg.) »Mein letz­ter Arbeits­tag. Abge­wi­ckelt nach 89/90: Ost­deut­sche Lebens­läu­fe«
336 S., gebun­den
Ver­lag edi­ti­on bero­li­na
Preis: € 14,99
ISBN: 978-3867898362

25 Jah­re Deut­sche Ein­heit – ein freu­di­ges Jubi­lä­um, mit dem vie­le ehe­ma­li­ge DDR-Bür­ger einen her­ben Ein­schnitt in ihrem Leben ver­bin­den. Nie waren sie vor­her davon aus­ge­gan­gen, dass sie ihren Arbeits­platz ver­lie­ren könn­ten. Mit dem Zusam­men­bruch der DDR-Wirt­schaft sahen sie sich plötz­lich mit die­ser Tat­sa­che kon­fron­tiert. Rei­hen­wei­se mach­ten Betrie­be dicht, die Indus­trie brach zusam­men, die Ver­wal­tun­gen wur­den umge­krem­pelt und mit West­deut­schen besetzt. Auch die Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen bil­de­ten dabei kei­ne Aus­nah­me.

Sie­ben Frau­en und 23 Män­ner, gebo­ren zwi­schen 1929 und 1971, geben in dem Buch Aus­kunft über ihr Arbeits­le­ben in der DDR und des­sen abrup­tes Ende. „Das wäre nichts Beson­de­res, wür­de die Rück­be­sin­nung nicht ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach die­sem damals als radi­kal und bedroh­lich emp­fun­de­nen Bruch in der eige­nen Bio­gra­fie statt­fin­den.“, sagt die Ber­li­ner Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin Isol­de Diet­rich (72). „Inzwi­schen haben alle Betei­lig­ten neue Erfah­run­gen gesam­melt, kön­nen Ver­lust und Gewinn jener lan­ge zurück­lie­gen­den Lebens­wen­de abwä­gen. Die Bilanz fällt höchst unter­schied­lich aus. Die Schil­de­run­gen spre­chen für sich, bedür­fen nicht der Inter­pre­ta­ti­on.“

„Die Reso­nanz auf das The­ma ist groß“, erzählt Her­aus­ge­be­rin Kat­rin Rohn­stock (54), die sich 1998 mit ihrem Ber­li­ner Unter­neh­men Rohn­stock Bio­gra­fi­en auf das Schrei­ben von Lebens­ge­schich­ten spe­zia­li­siert hat. „Mit dem Abstand von 25 Jah­ren kom­men erfah­rungs­mä­ßig die eige­nen Erin­ne­run­gen an die Ober­flä­che.“ Lan­ge Zeit nach der Wen­de sei­en die gro­ßen poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Zusam­men­hän­ge die Platz­hal­ter des kol­lek­ti­ven Gedächt­nis­ses gewe­sen, stellt die in Jena gebo­re­ne und auf­ge­wach­se­ne Ger­ma­nis­tin fest. „In den Medi­en und in der Lite­ra­tur war kein Raum für die klei­nen und gro­ßen Nöte im Pri­va­ten, die mit dem Zusam­men­bruch der DDR ein­her­gin­gen. Die ‚Deut­sche Ein­heit’ war schließ­lich ein geschicht­li­ches Jubel­er­eig­nis, da soll­te doch der Ver­lust von Arbeits­plät­zen nicht ins Gewicht fal­len.”

Sozio­lo­ge Prof. Dr. Wolf­gang Eng­ler (62) im Nach­wort des Buches:
„Wer über ande­re exis­ten­ti­el­le Res­sour­cen als sein Arbeits­ver­mö­gen ver­füg­te, leb­te hin­fort unbe­hel­ligt. Das konn­ten einst­wei­len nur sehr weni­ge Ost­deut­sche. Die weit­aus meis­ten muss­ten und woll­ten Arbeit leis­ten, und sofern sie trotz anhal­ten­der Bemü­hun­gen kei­ne ordent­li­che Arbeit fan­den, nag­te das alte Stig­ma uner­bitt­li­cher denn je an ihrem See­len­frie­den. Sie blie­ben, arbeits­los gewor­den, for­mell und recht­lich Bür­ger unter Bür­gern, aber das mora­li­sche Emp­fin­den über­stimm­te die Sta­tus­ga­ran­ti­en und erkann­te auf inne­re Aus­bür­ge­rung.“

Aus der Stu­die „Leben in Ost- und West­deutsch­land“ (Cam­pus-Ver­lag 2010):
„Unter den Befrag­ten der ost­deut­schen Lebens­ver­laufs­stu­die, die ihre Erwerbs­tä­tig­keit nicht ganz auf­ge­ben muss­ten, waren im Zeit­raum zwi­schen 1989 und 1996 über 40 Pro­zent min­des­tens ein­mal arbeits­los. Etwa zwei Drit­tel muss­ten die Fir­ma ver­las­sen, in der sie 1989 gear­bei­tet hat­ten, und mehr als die Hälf­te hat­te bis 1996 einen wei­te­ren Arbeits­platz­wech­sel. Etwa ein Drit­tel wech­sel­te den Beruf; beruf­li­che Abstie­ge waren dabei dop­pelt so häu­fig wie beruf­li­che Auf­stie­ge.“

In der Rück­schau auf sei­ne Anstel­lung zu DDR-Zei­ten sagt der Buch­bei­trä­ger Bernd Schmel­zer (54), ehe­ma­li­ger Kum­pel und Bri­ga­dier des Kali­berg­werks „Tho­mas Münt­zer“ in Bisch­of­fero­de: „Ich bin froh, dass ich mich nie habe ent­schei­den müs­sen: Hei­mat oder Arbeit!“ Schmel­zer wur­de 1960 in Bisch­of­fero­de gebo­ren. Sein Vater war Kali­kum­pel, sein Groß­va­ter eben­falls. Von Beginn an war für ihn klar, dass auch er Kum­pel wer­den und bis zum Ruhe­stand blei­ben wür­de. Doch dann kam die Wen­de.

Doch bei aller Frei­heit, die den Ost­lern mit dem Mau­er­fall geschenkt wur­de, bewirk­te der eben für die meis­ten einen Ein­schnitt in ihrer Arbeits­bio­gra­fie. Wenn man nicht mehr gebraucht wird, an dem Platz, für den man qua­li­fi­ziert ist, an dem man Ide­en ver­wirk­lich­te und von Kol­le­gen umge­ben war, dann kann das Selbst­wert­ge­fühl emp­find­lich lei­den. So nüch­tern die Tex­te geschrie­ben sind, die­se Krän­kung schwingt doch mit.
Feuil­le­ton der Ber­li­ner Zei­tung,
13./14. Dezem­ber 2014
Doch es gibt auch Leu­te, die mit dem Arbeits­platz ihren gan­zen Stolz ver­lo­ren. Ihre Erzäh­lun­gen sam­melt die­ses Buch, und so erin­nert es dar­an, dass sich jede Geschich­te min­des­tens aus zwei Blick­win­keln erzäh­len lässt. Wenn aus hei­te­rem Him­mel etwas ver­schwin­det, das eigent­lich ein Leben lang Bestand haben soll­te, ist es sogar nach­voll­zieh­bar, dass sich bei den Betrof­fe­nen noch Jahr­zehn­te spä­ter eine gewis­se Nost­al­gie ein­schleicht.
Kom­men­tar in der Lau­sit­zer Rund­schau, 30. Sep­tem­ber 2015
Ins­ge­samt 28 in der Ich-Form geschrie­be­ne Lebens­be­rich­te ver­eint das Buch. Kin­der­gärt­ne­rin­nen, Maschi­nen­bau­er, Sekre­tä­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler kom­men zu Wort – ihre ganz per­sön­li­che, unkom­men­tier­te Sicht auf die Din­ge ist die Stär­ke die­ses Buches. Vie­les reizt zum Wider­spruch, aber manch rosa­ro­ter Rück­blick auf die DDR wird durch ande­re Geschich­ten wie­der gera­de gerückt (…).
Sei­te 3 in der Mär­ki­schen Oder­zei­tung, 1. Okto­ber 2014
Die Geschich­te von Fami­lie Schmel­zer über den Ver­lust der Arbeit, die 1990 vie­le Ost­deut­sche in ihrer Exis­tenz traf, ist exem­pla­risch für die­se Zeit. In dem kürz­lich erschie­ne­nen Buch „Mein letz­ter Arbeits­tag” ist die Geschich­te jetzt fest­ge­hal­ten wor­den.
„Die Geschich­te Mit­tel­deutsch­lands – Das Maga­zin“ im MDR, 21. Janu­ar 2015